Der Natürlichkeits-Mythos: Hat die Evolution uns zum Fleischessen bestimmt?
Autor:
Thomas Wiedemann
Veröffentlicht am 22. Mai 2026 · zuletzt aktualisiert am 9. September 2026

Menschen sind ernährungsbiologisch anpassungsfähige Allesesser
Der Mensch ist weder ein spezialisierter Fleischfresser noch ein spezialisierter Pflanzenfresser. Unser Verdauungssystem kann Kohlenhydrate, Proteine und Fette aus unterschiedlichen pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln verwerten. Diese ernährungsbiologische Flexibilität ermöglichte es unseren Vorfahren, sehr verschiedene Lebensräume zu besiedeln und auf ein wechselndes Nahrungsangebot zu reagieren.
Der Begriff „Allesesser“ wird dabei häufig missverstanden. Er bedeutet nicht, dass Menschen alle verfügbaren Lebensmittel essen müssen oder zwangsläufig sowohl pflanzliche als auch tierische Nahrung benötigen. Er beschreibt zunächst nur die Fähigkeit, unterschiedliche Nahrungsquellen zu erschließen. Aus einem biologischen Können folgt noch keine ernährungsphysiologische Notwendigkeit.
Auch eine einheitliche „Steinzeiternährung“ hat es nicht gegeben. Was Menschen und ihre Vorfahren aßen, hing unter anderem von Region, Klima, Jahreszeit, verfügbaren Pflanzen und Tieren sowie den jeweils beherrschten Werkzeugen und Verarbeitungstechniken ab. Pflanzliche Nahrung gehörte ebenso zu diesem Spektrum wie Fleisch, Knochenmark, Eier, Insekten oder aquatische Ressourcen. Die jeweiligen Anteile unterschieden sich erheblich und lassen sich für viele Epochen nur unvollständig rekonstruieren.
Die menschliche Evolutionsgeschichte zeigt daher vor allem eines: Unsere besondere Stärke bestand nicht in der Abhängigkeit von einem einzelnen Lebensmittel, sondern in unserer Anpassungsfähigkeit. Dass unsere Vorfahren tierische Nahrung nutzen konnten und tatsächlich nutzten, belegt diese Flexibilität. Es beweist jedoch nicht, dass Menschen auch unter heutigen Bedingungen Fleisch essen müssen.
Welche Rolle spielte tierische Nahrung in der menschlichen Evolution?
Wenn Menschen unterschiedliche Nahrungsquellen nutzen können, stellt sich die nächste Frage: Haben unsere Vorfahren diese Fähigkeit auch zum Verzehr tierischer Nahrung genutzt? Die Antwort ist eindeutig: ja.
Schnitt- und Schlagspuren an Tierknochen zeigen, dass Homininen spätestens vor etwa 2,6 Millionen Jahren Tierkörper mit Steinwerkzeugen bearbeiteten. Sie schnitten Fleisch von den Knochen und öffneten diese, um an das fettreiche Knochenmark zu gelangen. Einzelne, noch ältere Funde werden kontrovers diskutiert. Unstrittig ist jedoch, dass tierische Nahrung bereits lange vor dem modernen Menschen zum Nahrungsspektrum unserer Vorfahren gehörte.
Fleisch, Fett, Knochenmark und andere tierische Gewebe konnten Energie, Protein und verschiedene Mikronährstoffe liefern. Ihre Nutzung dürfte besonders dort vorteilhaft gewesen sein, wo energiereiche pflanzliche Nahrung zeitweise knapp oder nur schwer zugänglich war. Wie regelmäßig Tierkörper genutzt wurden und welchen Anteil tierische Nahrung an der gesamten Ernährung hatte, unterschied sich wahrscheinlich erheblich zwischen verschiedenen Regionen, Zeiträumen und Populationen.
Auch Werkzeuge veränderten die Nutzung dieser Nahrung. Zink und Lieberman (2016) zeigten experimentell, dass das Zerschneiden von rohem Fleisch den erforderlichen Kauaufwand deutlich verringert. Gemeinsam mit der Verarbeitung harter pflanzlicher Nahrung könnte dies dazu beigetragen haben, dass sich Zähne, Kiefer und Kaumuskulatur im Verlauf der menschlichen Evolution verkleinerten. Später erleichterte das Erhitzen die Verdauung zahlreicher pflanzlicher und tierischer Lebensmittel zusätzlich und verringerte zugleich das Risiko durch Krankheitserreger.
Tierische Nahrung spielte damit eine reale Rolle in der menschlichen Evolutionsgeschichte. Diese Feststellung sagt jedoch noch nichts darüber aus, wie groß diese Rolle war. Vor allem beweist sie nicht, dass Fleisch allein die Entwicklung des menschlichen Gehirns ermöglichte oder uns zu dem machte, was wir heute sind.
Doch genau diese weitergehende Behauptung begegnet uns bis heute immer wieder: Hat Fleisch tatsächlich „den Menschen zum Menschen gemacht“?
Hat Fleisch allein unser großes Gehirn ermöglicht?
Mit der zunehmenden Größe des menschlichen Gehirns stieg auch dessen Energiebedarf. Daraus entstand eine bis heute verbreitete Erzählung: Erst der regelmäßige Verzehr von Fleisch habe unseren Vorfahren genügend Energie und Nährstoffe geliefert, um ein größeres Gehirn entwickeln zu können. Verkürzt wird daraus häufig die Behauptung: „Fleisch machte uns zum Menschen.“
Tierische Nahrung könnte zu einer energiereicheren und nährstoffdichteren Ernährung beigetragen haben. Vor allem Fett und Knochenmark lieferten viel Energie, während Fleisch hochwertiges Protein und verschiedene Mikronährstoffe bereitstellte. Daraus folgt jedoch nicht, dass Fleisch der einzige oder entscheidende Auslöser der menschlichen Gehirnentwicklung war.
Auch die archäologischen Funde stützen eine solche monokausale Erklärung nicht. Lange wurde die wachsende Zahl von Tierknochen mit Schnitt- und Schlagspuren nach dem Auftreten von Homo erectus als Hinweis auf einen starken Anstieg des Fleischkonsums verstanden. Barr et al. (2022) untersuchten dazu archäologische Fundstellen aus Ostafrika zwischen 2,6 und 1,2 Millionen Jahren vor heute. Nachdem sie berücksichtigten, dass bestimmte Zeiträume wesentlich intensiver erforscht worden waren als andere, fanden sie keinen dauerhaften Anstieg der Nachweise für die Nutzung tierischer Nahrung nach dem Auftreten von Homo erectus. Damit wird ein zentrales Argument der These „Fleisch machte uns zum Menschen“ deutlich infrage gestellt.
Hinzu kommt, dass tierische Nahrung nicht die einzige energiereiche Ressource unserer Vorfahren war. Hardy et al. (2015) weisen auf die wahrscheinlich große Bedeutung stärkehaltiger Pflanzen hin. Unterirdische Speicherorgane wie Wurzeln und Knollen konnten über lange Zeiträume verfügbar sein und erhebliche Mengen an Kohlenhydraten liefern. Durch Zerkleinern und vor allem durch Erhitzen wird Stärke leichter verdaulich und kann dem Körper gut verfügbare Glukose bereitstellen – einen besonders wichtigen Energieträger für das Gehirn, die roten Blutkörperchen sowie während Schwangerschaft und kindlicher Entwicklung.
Die menschliche Fähigkeit, Stärke zu verwerten, zeigt sich auch an den Amylasen im Speichel und in der Bauchspeicheldrüse. Diese Enzyme spalten Stärke in kleinere Zuckerbausteine. Genetische Untersuchungen zeigen, dass sich die Zahl der Amylase-Genkopien zwischen Menschen und Populationen unterscheidet. Besonders hohe Kopienzahlen finden sich häufiger in Populationen mit traditionell stärkereicher Ernährung. Ein erheblicher Teil dieser genetischen Anpassung scheint sich allerdings erst mit der Ausbreitung der Landwirtschaft während der vergangenen rund 12.000 Jahre verstärkt zu haben. Die Amylasegene belegen daher die menschliche Anpassung an stärkehaltige Nahrung, sind aber für sich genommen kein Beweis dafür, dass Stärke allein die frühe Vergrößerung des Gehirns ausgelöst hat.
Die Forschung hat die alte Fleischthese somit nicht einfach durch eine neue Stärkethese ersetzt. Wahrscheinlicher ist ein Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen: ein breiteres Nahrungsspektrum, die Nutzung pflanzlicher und tierischer Energieträger, Werkzeuge, das Zerkleinern und Erhitzen von Nahrung, Kooperation, Nahrungsteilung und die kulturelle Weitergabe von Wissen.
Nicht ein einzelnes Lebensmittel machte uns zum Menschen. Entscheidend war wahrscheinlich unsere zunehmende Fähigkeit, ganz unterschiedliche Nahrungsquellen zu erschließen, zu verarbeiten und miteinander zu teilen.
Auch wenn Fleisch dabei eine bedeutende Rolle gespielt haben sollte, bleibt jedoch eine andere Frage offen: Folgt aus seiner möglichen Bedeutung für unsere Vorfahren, dass Menschen auch heute noch Fleisch benötigen?
Brauchen Menschen heute Fleisch?
Dass tierische Nahrung unseren Vorfahren Energie und Nährstoffe lieferte, bedeutet nicht, dass Menschen auch heute Fleisch essen müssen. Für gesunde Erwachsene besteht unter den Bedingungen einer modernen Lebensmittelversorgung keine biologische Notwendigkeit, Fleisch zu verzehren.
Der menschliche Körper benötigt keine bestimmte Lebensmittelgruppe, sondern Energie und einzelne Nährstoffe. Fleisch kann hochwertiges Protein, Eisen, Zink, Vitamin B₁₂ und weitere Nährstoffe liefern. Diese können jedoch auch über andere Lebensmittel sowie, wo erforderlich, über angereicherte Produkte oder Nahrungsergänzungsmittel bereitgestellt werden. Kein für den Menschen essenzieller Nährstoff macht das Lebensmittel Fleisch selbst unersetzlich.
Protein und alle unentbehrlichen Aminosäuren können beispielsweise durch Hülsenfrüchte, Sojaprodukte, Getreide, Nüsse und Samen aufgenommen werden. Auch Eisen, Zink, Calcium und Omega-3-Fettsäuren stehen aus pflanzlichen oder mikroalgenbasierten Quellen zur Verfügung. Dabei müssen allerdings Unterschiede in Gehalt und Bioverfügbarkeit berücksichtigt werden. Eine vegane Ernährung wird nicht allein dadurch bedarfsdeckend, dass tierische Lebensmittel weggelassen werden – entscheidend ist, wodurch sie ersetzt werden.
Eine besondere Stellung nimmt Vitamin B₁₂ ein. Es wird von Mikroorganismen gebildet und kommt in herkömmlichen pflanzlichen Lebensmitteln nicht zuverlässig in ausreichender und für den Menschen verfügbarer Menge vor. Bei veganer Ernährung muss es deshalb gezielt und verlässlich zugeführt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt hierzu gegenwärtig die dauerhafte Einnahme eines Vitamin-B₁₂-Präparats. Würden häufig verzehrte vegane Lebensmittel flächendeckend, ausreichend und nach einheitlichen Standards mit Vitamin B₁₂ angereichert, könnte eine zuverlässige Versorgung grundsätzlich auch ohne ein zusätzliches individuelles Präparat möglich sein. Solange eine solche verlässliche Anreicherung nicht besteht, bleibt die regelmäßige Supplementierung die sicherste Lösung. Auch auf weitere potenziell kritische Nährstoffe, insbesondere Jod, sollte bewusst geachtet werden.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung kommt in ihrer 2024 veröffentlichten Neubewertung zu dem Ergebnis, dass eine vegane Ernährung für die gesunde erwachsene Allgemeinbevölkerung gesundheitsfördernd sein kann. Voraussetzungen sind die Einnahme eines Vitamin-B₁₂-Präparats, eine ausgewogene und gut geplante Lebensmittelauswahl sowie eine bedarfsdeckende Versorgung mit potenziell kritischen Nährstoffen. Für Kinder, Jugendliche, Schwangere, Stillende und ältere Menschen ist die Datenlage teilweise eingeschränkter; hier sind besondere Ernährungskompetenz und fachliche Begleitung wichtig.
Damit ist die Aussage „Menschen brauchen Fleisch“ wissenschaftlich nicht haltbar. Fleisch ist eine mögliche Nährstoffquelle, aber keine notwendige. Dass eine fleischlose oder vegane Ernährung Planung erfordert, ändert daran nichts. Auch andere Ernährungsweisen garantieren nicht automatisch eine ausreichende Versorgung, nur weil sie tierische Lebensmittel enthalten.
Unsere Vorfahren mussten ihren Bedarf mit den Nahrungsquellen decken, die ihnen in ihrer jeweiligen Umwelt zur Verfügung standen. Heute besitzen wir andere Lebensmittel, Kenntnisse und Möglichkeiten. Aus der damaligen Bedeutung einer Nahrungsquelle lässt sich deshalb keine heutige Abhängigkeit ableiten.
Wenn Menschen Fleisch essen können, es aber nicht essen müssen, bleibt schließlich die entscheidende Frage: Kann der bloße Verweis auf unsere Natur oder Evolutionsgeschichte den heutigen Fleischkonsum ethisch rechtfertigen?
Ist „natürlich“ automatisch ethisch richtig?
Menschen können Fleisch essen, und tierische Nahrung gehörte über lange Zeiträume zu ihrem Nahrungsspektrum. Doch selbst wenn wir den Fleischkonsum in diesem beschreibenden Sinne als „natürlich“ bezeichnen, ist damit noch keine ethische Bewertung verbunden.
Der Begriff „natürlich“ besitzt keine einheitliche Bedeutung. Er kann etwas bezeichnen, das ohne menschliches Eingreifen vorkommt, sich im Verlauf der Evolution entwickelt hat, wenig verarbeitet ist oder uns lediglich vertraut erscheint. Diese Bedeutungen werden in Ernährungsdebatten häufig miteinander vermischt. Aus der Aussage, ein Verhalten komme in der Natur vor oder habe unseren Vorfahren Vorteile gebracht, wird dann abgeleitet, es sei auch heute notwendig, gut oder moralisch gerechtfertigt.
Dieser Schluss ist jedoch nicht zulässig. Aus einer beschreibenden Feststellung darüber, wie etwas ist oder früher war, folgt nicht automatisch eine normative Aussage darüber, wie es sein sollte. Dafür wäre mindestens eine zusätzliche moralische Begründung erforderlich. Die Evolutionsgeschichte kann erklären, warum Menschen bestimmte Fähigkeiten und Verhaltensweisen besitzen. Sie entscheidet aber nicht darüber, wie wir diese Fähigkeiten unter heutigen Bedingungen einsetzen sollten.
Auch „natürlich“ ist nicht gleichbedeutend mit „gesund“ oder „gut“. Krankheitserreger, giftige Pflanzen und schwere Infektionen sind natürlichen Ursprungs. Impfstoffe, Antibiotika, Brillen und die Aufbereitung von Trinkwasser sind dagegen Ergebnisse menschlicher Kultur und Technik. Ob etwas natürlich oder künstlich ist, sagt für sich genommen wenig über seinen gesundheitlichen oder moralischen Wert aus.
Dass ein Verhalten in einer früheren Umwelt das Überleben oder die Fortpflanzung begünstigte, verleiht ihm ebenfalls keine zeitlose ethische Gültigkeit. Unsere Vorfahren mussten Entscheidungen unter völlig anderen Bedingungen treffen. Welche Nahrung verfügbar war, konnte unmittelbar darüber entscheiden, ob eine Gruppe eine Mangelperiode überstand. Eine solche Situation ist nicht ohne Weiteres mit einer Gegenwart vergleichbar, in der zumindest ein großer Teil der Bevölkerung zwischen unterschiedlichen Lebensmitteln wählen und seinen Nährstoffbedarf auch ohne Fleisch decken kann.
Wie stark ethische Verantwortung von den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten abhängt, zeigt die traditionelle Lebensweise arktischer Gemeinschaften wie der Inuit und Yupik. In Regionen, in denen aufgrund des Klimas nur wenige essbare Pflanzen verfügbar waren und eine regelmäßige Versorgung von außen nicht bestand, bildeten Fische, Meeressäuger, Landtiere und Vögel eine wesentliche Lebensgrundlage. Unter solchen Bedingungen stand nicht die abstrakte Frage im Mittelpunkt, ob der Verzehr tierischer Nahrung vermeidbar wäre, sondern die elementare Frage: Wie können Menschen ausreichend Energie und Nährstoffe erhalten, um zu überleben?
Eine ethische Forderung, auf tierische Nahrung zu verzichten, wäre dort ohne tatsächlich verfügbare und bedarfsdeckende Alternativen lebensfremd. Anders ist die Situation für Menschen, denen eine vielfältige Auswahl pflanzlicher Lebensmittel, angereicherter Produkte und notwendiger Nahrungsergänzungsmittel zuverlässig zur Verfügung steht. Verantwortung beginnt deshalb nicht mit einer für alle Menschen identischen Ernährungsregel, sondern mit der Frage, welche vermeidbaren Folgen wir innerhalb unserer jeweiligen Handlungsmöglichkeiten verantworten können.
Für die ethische Bewertung des heutigen Fleischkonsums sind deshalb andere Fragen maßgeblich: Welche Folgen hat unsere Entscheidung für empfindungsfähige Tiere?
Welche Auswirkungen entstehen für Umwelt und Ressourcen?
Welche gesundheitlichen Folgen sind mit der jeweiligen Ernährungsweise verbunden?
Und welche Alternativen sind für einen Menschen tatsächlich verfügbar und zumutbar? Erst solche Informationen ermöglichen eine moralische Abwägung.
Der Verweis auf die Evolution beantwortet diese Fragen nicht. Er erklärt, warum Menschen Fleisch essen können. Er beweist weder, dass sie es essen müssen, noch dass sie es essen sollten.
Wie eng biologische Anpassung und kulturelle Entwicklung miteinander verflochten sein können, zeigt sich besonders deutlich an einem anderen tierischen Lebensmittel: Milch.
Was verrät Milch über Natur und Kultur?
Stellen wir uns ein erwachsenes Zebra vor, das zu einer Giraffe geht und an ihrem Euter trinkt. Das Bild wirkt unmittelbar befremdlich. Doch dieses Empfinden beweist zunächst nur, dass ein solches Verhalten in der freien Wildbahn nicht zum vertrauten Bild gehört. Es beweist weder, dass der menschliche Milchkonsum gesundheitlich schädlich noch dass er ethisch falsch ist.
Menschen entwickelten die Fähigkeit, Tiere zu domestizieren, ihre Fortpflanzung zu kontrollieren und Milch systematisch zu gewinnen und zu verarbeiten. Der Konsum von Tiermilch durch Erwachsene ist deshalb primär eine kulturelle und technologische Besonderheit des Menschen.
Milch entstand im Verlauf der Evolution als Sekret, mit dem Säugetiermütter ihren Nachwuchs ernähren und schützen. Ihre Zusammensetzung unterscheidet sich zwischen Tierarten und verändert sich zudem während der Säugeperiode. Kuhmilch ist biologisch auf die Versorgung eines Kalbes ausgerichtet. Daraus folgt jedoch nicht, dass Menschen sie nicht verwerten könnten oder dass sie ihnen automatisch schadet. Schließlich sind auch Früchte, Samen oder Knollen nicht mit dem evolutionären „Zweck“ entstanden, Menschen zu ernähren. Die ursprüngliche biologische Funktion eines Lebensmittels entscheidet nicht über seine spätere Nutzbarkeit.
Interessanter ist deshalb die Frage, wie sich der menschliche Milchkonsum überhaupt entwickeln konnte. Bei den meisten Säugetieren sinkt nach dem Abstillen die Produktion des Enzyms Laktase, das den Milchzucker Laktose aufspaltet. Das gilt auch für einen großen Teil der Menschheit. Erst nachdem Menschen mit der Tierhaltung und Milchnutzung begonnen hatten, verbreiteten sich in einigen Populationen genetische Varianten, durch die die Laktaseproduktion bis ins Erwachsenenalter erhalten blieb.
Diese sogenannte Laktasepersistenz entstand nicht durch eine einzige Mutation, die sich über die gesamte Menschheit verbreitete. Verschiedene genetische Varianten entwickelten sich in Europa, Afrika und Teilen Asiens unabhängig voneinander. Milchwirtschaft schuf dabei eine neue Nahrungsquelle und damit vermutlich einen Selektionsvorteil für Menschen, die frische Milch besser verdauen konnten. Die kulturelle Praxis beeinflusste folglich die biologische Evolution – ein klassisches Beispiel für Gen-Kultur-Koevolution.
Auch Menschen ohne Laktasepersistenz konnten Milchprodukte nutzen. Durch Fermentation zu Joghurt, Käse oder anderen Erzeugnissen wird ein Teil der Laktose abgebaut. Außerdem bedeutet eine verringerte Laktaseaktivität nicht automatisch, dass bereits geringe Mengen Milchzucker Beschwerden verursachen. Laktase-Nichtpersistenz, eine unvollständige Aufnahme von Laktose und eine klinisch wahrnehmbare Laktoseintoleranz sind nicht dasselbe.
Die weltweite Verbreitung der Laktase-Nichtpersistenz zeigt dennoch, dass der Konsum frischer Tiermilch im Erwachsenenalter keine allgemeine biologische Voraussetzung für menschliche Gesundheit sein kann. Ganze Populationen konnten über viele Generationen ohne größere Mengen frischer Milch leben. Umgekehrt beweist die Laktasepersistenz, dass manche Menschen Milch problemlos verdauen können. Keine dieser beiden Feststellungen beantwortet jedoch die ethische Frage.
Milch ist damit weder allein deshalb gut, weil Menschen sich genetisch an ihren Konsum angepasst haben, noch allein deshalb schlecht, weil andere erwachsene Säugetiere normalerweise keine artfremde Milch trinken. Für ihre ethische Bewertung sind vielmehr die Bedingungen ihrer Gewinnung, die Folgen für die beteiligten Tiere und die Verfügbarkeit geeigneter Alternativen entscheidend.
Gerade die Geschichte der Milch zeigt daher, wie wenig sich menschliche Ernährung in eine einfache Trennung zwischen „natürlich“ und „unnatürlich“ pressen lässt. Als Erwachsener Muttermilch zu konsumieren, ist keinesfalls „natürlich“.
Unsere Ernährung ist das Ergebnis eines fortwährenden Zusammenspiels von Biologie, Kultur und Technik. Doch keine dieser drei Ebenen nimmt uns die Verantwortung ab, unsere heutigen Entscheidungen anhand ihrer heutigen Folgen zu beurteilen.
Fazit: Aus Können folgt kein Sollen
Menschen haben im Verlauf ihrer Evolution tierische Nahrung genutzt. Fleisch, Fett und Knochenmark konnten wertvolle Energie und Nährstoffe liefern, und später veränderte die Milchwirtschaft sogar die genetische Entwicklung einzelner Populationen. Diese Tatsachen müssen weder bestritten noch kleingeredet werden.
Sie beweisen jedoch nicht, dass Fleisch allein die Entwicklung des menschlichen Gehirns ermöglichte. Nach heutigem Forschungsstand war unsere Evolution sehr wahrscheinlich das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus pflanzlichen und tierischen Nahrungsquellen, Werkzeuggebrauch, Lebensmittelverarbeitung, Feuer, Kooperation und kultureller Weitergabe von Wissen. Nicht ein einzelnes Lebensmittel machte uns zum Menschen, sondern unsere Fähigkeit, uns an unterschiedliche Lebensbedingungen anzupassen.
Diese Anpassungsfähigkeit besteht bis heute. Der menschliche Körper benötigt Nährstoffe, aber nicht zwangsläufig eine bestimmte historische Lebensmittelgruppe. Für gesunde Erwachsene kann eine gut geplante vegane Ernährung den Nährstoffbedarf decken, sofern Vitamin B₁₂ zuverlässig zugeführt und auf potenziell kritische Nährstoffe geachtet wird. Fleisch ist damit eine mögliche Nährstoffquelle – aber keine notwendige.
„Allesesser“ bezeichnet eine Fähigkeit, keine Verpflichtung.
Auch der Begriff „natürlich“ hilft bei der ethischen Bewertung nur begrenzt weiter. Ein Verhalten wird nicht allein dadurch moralisch richtig, dass es in der Natur vorkommt, eine lange Geschichte besitzt oder unseren Vorfahren Vorteile brachte. Unsere Evolutionsgeschichte kann erklären, warum wir Fleisch und Milch nutzen können. Sie schreibt uns nicht vor, dass wir dies auch unter heutigen Bedingungen tun müssen oder sollten.
Dabei sind die Handlungsmöglichkeiten nicht für alle Menschen gleich. Wer in einer abgelegenen arktischen Region keinen verlässlichen Zugang zu geeigneten pflanzlichen Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln besitzt, steht vor einer anderen Entscheidung als jemand, dem zahlreiche Alternativen zur Verfügung stehen. Verantwortung beginnt dort, wo reale Wahlmöglichkeiten bestehen.
Für einen großen Teil der heutigen Bevölkerung ist die entscheidende Frage deshalb nicht mehr, ob Menschen ohne tierische Lebensmittel grundsätzlich überleben können. Sie lautet vielmehr, welche Folgen unsere Ernährungsentscheidungen für Tiere, Umwelt und unsere eigene Gesundheit haben – und welche dieser Folgen wir vermeiden können, ohne unsere Ernährungssicherheit zu gefährden.
Unsere Vergangenheit erklärt, warum wir Tiere als Nahrungsquelle nutzen konnten. Wie wir mit den heutigen Möglichkeiten umgehen, bleibt unsere Verantwortung.
Quellen:
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