Wie KI-Fragen Antworten lenken: Bestätigungsfehler in der Ernährungsrecherche
Autor:
Thomas Wiedemann
Veröffentlicht am 12. Mai 2026 · zuletzt aktualisiert am 01. September 2026

Wenn wir suchen, was wir ohnehin erwarten
Wer Informationen zu Ernährung sucht, beginnt selten vollkommen ohne Vorwissen oder eigene Überzeugungen. Wir halten bestimmte Lebensmittel für gesund, andere für problematisch, bevorzugen bestimmte Ernährungsformen oder haben bereits Erfahrungen gesammelt.
Dabei kann der sogenannte Bestätigungsfehler „Confirmation Bias“ eine Rolle spielen. Gemeint ist die Tendenz, Informationen bevorzugt wahrzunehmen, zu suchen oder stärker zu gewichten, wenn sie mit bereits bestehenden Überzeugungen übereinstimmen.
Bei generativer künstlicher Intelligenz entsteht dabei eine zusätzliche Besonderheit: Schon die Formulierung einer Frage kann beeinflussen, welche Aspekte in einer Antwort besonders hervorgehoben werden. Untersuchungen zur Nutzung generativer KI für Gesundheitsinformationen weisen darauf hin, dass die Formulierung von Suchanfragen und die Anpassung der Antworten an Erwartungen des Nutzers bestehende Überzeugungen verstärken können.¹
Ein einfaches Lebensmittel zeigt sehr anschaulich, warum das relevant ist: Brokkoli.
Zwei Fragen – zwei völlig unterschiedliche Brokkolis
Stellen wir einer KI zunächst folgende Frage:
„Bitte zähle mir die positiven ernährungsphysiologischen Eigenschaften von Brokkoli auf und erkläre, weshalb er Bestandteil einer gesundheitsfördernden Ernährung sein kann.“
Die Antwort dürfte sich primär auf Vitamin C, Vitamin K, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe konzentrieren. Wahrscheinlich werden Glucosinolate und Sulforaphan erwähnt, möglicherweise auch mögliche Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder verschiedenen Krebsarten.
Nun verändern wir die Fragestellung:
„Bitte betrachte den Verzehr von Brokkoli kritisch und nenne mögliche gesundheitliche Nachteile, problematische Inhaltsstoffe und Wechselwirkungen.“
Plötzlich stehen wahrscheinlich Goitrogene, Vitamin K und Gerinnungshemmer, Verdauungsbeschwerden, möglicherweise Oxalate, Nitrat oder Pestizidrückstände im Mittelpunkt.
Das Lebensmittel hat sich nicht verändert.
Verändert hat sich die Frage.
Und genau darin liegt das Problem: Beide Antworten können einzelne sachlich richtige Informationen enthalten und trotzdem ein verzerrtes Gesamtbild erzeugen.
Auch eine lange Liste richtiger Aussagen kann irreführend sein
Eine einseitige Antwort muss nicht vollständig falsch sein.
Wenn zehn gesundheitlich interessante Eigenschaften eines Lebensmittels aufgelistet werden und mögliche Einschränkungen fehlen, entsteht leicht der Eindruck eines außergewöhnlich gesundheitswirksamen „Superfoods“.
Werden dagegen zehn theoretische Risiken zusammengestellt, kann dasselbe Lebensmittel plötzlich problematisch erscheinen – selbst wenn mehrere dieser Risiken für die meisten Menschen bei üblichen Verzehrmengen praktisch kaum relevant sind.
Entscheidend ist deshalb nicht allein die Frage:
„Ist diese Aussage richtig?“
Ebenso wichtig ist:
„Wie relevant ist diese Aussage unter normalen Bedingungen?“
Brokkoli eignet sich dafür besonders gut.
Was Brokkoli tatsächlich interessant macht
Brokkoli (Brassica oleracea var. italica) gehört zu den Kreuzblütlern und liefert unter anderem Vitamin C, Vitamin K, Folat, Ballaststoffe und verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe.
Besonders untersucht werden seine Glucosinolate. Aus Glucoraphanin kann durch das Enzym Myrosinase das Isothiocyanat Sulforaphan entstehen. Die Myrosinase wird unter anderem beim Zerkleinern des Pflanzengewebes freigesetzt.
Sulforaphan beeinflusst verschiedene zelluläre Signalwege. Besonders gut untersucht ist der KEAP1-NRF2-Signalweg. NRF2 reguliert zahlreiche Gene, die an zellulären Schutzmechanismen und am Umgang mit oxidativem und chemischem Stress beteiligt sind.²
Diese Mechanismen sind biologisch plausibel und wurden umfangreich in Zell-, Tier- und mittlerweile auch Humanstudien untersucht.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Brokkoli bestimmte Erkrankungen verhindert oder behandelt.
Eine Metaanalyse von Beobachtungsstudien aus dem Jahr 2024 fand beispielsweise bei Menschen mit höherem Brokkolikonsum statistisch ein geringeres Krebsrisiko. In Kohortenstudien betrug das relative Risiko gegenüber niedrigem Konsum 0,89. Die Autoren betonen jedoch selbst, dass weitere Untersuchungen notwendig sind.³
Aus einer solchen Assoziation lässt sich keine sichere Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten.
Und was ist mit der Schilddrüse?
Kreuzblütler enthalten Substanzen, aus denen unter bestimmten Bedingungen Verbindungen wie Thiocyanat und Goitrin entstehen können.
Dafür existieren plausible biochemische Mechanismen: Thiocyanat kann mit der Jodaufnahme in die Schilddrüse interferieren, während Goitrin Prozesse der Schilddrüsenhormonsynthese beeinflussen kann. Diese Mechanismen haben zur Bezeichnung solcher Stoffe als „goitrogen“ geführt.⁴
Die entscheidende Frage lautet jedoch wiederum:
Wie relevant ist dieser Mechanismus beim Menschen unter realistischen Ernährungsbedingungen?
Eine umfassende systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 untersuchte 123 Arbeiten zu Brassica-Gemüse und Schilddrüsenfunktion. Die überwiegende Mehrheit der Ergebnisse sprach gegen die Annahme, dass der übliche Verzehr dieser Gemüse beim Menschen die Schilddrüsenfunktion relevant beeinträchtigt. Bei ausreichender Jodversorgung fanden die Autoren keine überzeugenden Hinweise auf schädliche Auswirkungen.⁵
Damit zeigt gerade dieses Beispiel sehr deutlich den Unterschied zwischen einem theoretisch möglichen biochemischen Effekt und einem klinisch relevanten Ernährungsrisiko.
Eine tatsächlich relevante Wechselwirkung: Vitamin-K-Antagonisten
Ein anderer Punkt besitzt dagegen praktische medizinische Relevanz.
Brokkoli enthält Vitamin K1. Vitamin K wird für die Aktivierung verschiedener Gerinnungsfaktoren benötigt. Medikamente wie Warfarin oder Phenprocoumon hemmen den Vitamin-K-Stoffwechsel und reduzieren dadurch die Blutgerinnung.
Größere Veränderungen der Vitamin-K-Zufuhr können deshalb bei Menschen, die mit solchen Vitamin-K-Antagonisten behandelt werden, die Einstellung der Gerinnungshemmung beeinflussen.⁶
Die Konsequenz lautet allerdings nicht, Brokkoli oder anderes grünes Gemüse grundsätzlich zu meiden.
Entscheidend ist vielmehr eine möglichst gleichmäßige Vitamin‑K‑Zufuhr. Größere Ernährungsumstellungen sollten mit der behandelnden Praxis oder der Antikoagulationssprechstunde abgestimmt werden.
Auch hier verändert die Einordnung die Aussage erheblich: Aus „Brokkoli kann mit Medikamenten wechselwirken“ wird nicht automatisch „Brokkoli ist bei diesen Medikamenten gefährlich“.
Die bessere Frage an eine KI
Statt eine KI zu fragen:
„Warum ist Lebensmittel X gesund?“
oder
„Was ist an Lebensmittel X gesundheitlich problematisch?“
ist eine ergebnisoffene Formulierung sinnvoller:
„Bewerte Lebensmittel X anhand des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstands. Berücksichtige mögliche gesundheitliche Vorteile, potenzielle Risiken und Wechselwirkungen, die Qualität der jeweiligen Evidenz sowie die Frage, für welche Personengruppen diese Aspekte praktisch relevant sind. Trenne mechanistische, beobachtende und interventionelle Evidenz voneinander.“
Damit ist eine ausgewogene Antwort zwar nicht garantiert.
Die Wahrscheinlichkeit einer einseitigen Darstellung wird aber reduziert.
Noch wichtiger ist anschließend die Kontrolle der angegebenen Quellen. Eine KI-Antwort ist keine wissenschaftliche Quelle. Sie kann Studien auffinden, erklären und gegenüberstellen – die entscheidenden Aussagen sollten jedoch anhand der Originalarbeiten, systematischen Übersichtsarbeiten oder fachlichen Leitlinien überprüft werden.
Fazit
Das Beispiel Brokkoli zeigt, wie stark Ernährungsinformationen von der gewählten Perspektive abhängen können.
Wer nur nach Vorteilen sucht, findet leicht Argumente für ein „Superfood“. Wer ausschließlich nach Risiken sucht, kann aus demselben Lebensmittel eine Ansammlung potenziell problematischer Substanzen machen.
Eine evidenzbasierte Beurteilung fragt deshalb nicht nur, ob ein biologischer Effekt existiert, sondern auch, wie stark die Evidenz dafür ist, unter welchen Bedingungen er auftritt und welche praktische Bedeutung er für Menschen tatsächlich besitzt.
Generative KI kann dabei ein leistungsfähiges Recherchewerkzeug sein. Sie ersetzt jedoch weder eine ergebnisoffene Fragestellung noch die kritische Prüfung der verwendeten Quellen.
Gerade bei Ernährung lautet die wissenschaftlich interessantere Frage deshalb selten:
„Welche Argumente sprechen für meine Auffassung?“
Sondern:
„Was zeigt die Gesamtheit der verfügbaren Evidenz?“
Quellen
Baladia, E., Moñino, M., Pleguezuelos, E., Russolillo, G., & Garnacho-Castaño, M. V. (2024). Broccoli consumption and risk of cancer: An updated systematic review and meta-analysis of observational studies. Nutrients, 16(11), 1583. https://doi.org/10.3390/nu16111583
Felker, P., Bunch, R., & Leung, A. M. (2016). Concentrations of thiocyanate and goitrin in human plasma, their precursor concentrations in brassica vegetables, and associated potential risk for hypothyroidism. Nutrition Reviews, 74(4), 248–258. https://doi.org/10.1093/nutrit/nuv110
Galanty, A., Grudzińska, M., Paździora, W., Służały, P., & Paśko, P. (2024). Do Brassica vegetables affect thyroid function? A comprehensive systematic review. International Journal of Molecular Sciences, 25(7), 3988. https://doi.org/10.3390/ijms25073988
Lopez-Lopez, E., Abels, C. M., Holford, D., Herzog, S. M., & Lewandowsky, S. (2025). Generative artificial intelligence-mediated confirmation bias in health information seeking. Annals of the New York Academy of Sciences, 1550(1), 23–36. https://doi.org/10.1111/nyas.15413
Lurie, Y., Loebstein, R., Kurnik, D., Almog, S., & Halkin, H. (2010). Warfarin and vitamin K intake in the era of pharmacogenetics. British Journal of Clinical Pharmacology, 70(2), 164–170. https://doi.org/10.1111/j.1365-2125.2010.03672.x
Yagishita, Y., Fahey, J. W., Dinkova-Kostova, A. T., & Kensler, T. W. (2019). Broccoli or sulforaphane: Is it the source or dose that matters? Molecules, 24(19), 3593. https://doi.org/10.3390/molecules24193593
