Über 80 Jahre Veganismus – von den Anfängen bis heute

Autor: Thomas Wiedemann
Veröffentlicht am 9. Oktober 2026

Die Gründung der Vegan Society: Was dahinterstand

Die Geschichte des organisierten Veganismus beginnt 1944 in Großbritannien. Menschen, die auf tierische Lebensmittel verzichteten, gab es bereits zuvor. Mit der Gründung der Vegan Society entstand jedoch eine Organisation, die diesem Anliegen einen eigenen Namen und eine dauerhafte Plattform gab.


Nach der historischen Darstellung der Society kamen im November 1944 Donald Watson und fünf weitere Menschen, darunter Elsie Shrigley, zusammen. Sie beschäftigten sich mit einer Lebensweise ohne Milchprodukte und der Frage, wie sich ihr Anliegen organisieren ließ. Der Gründungsmonat ist bekannt; der genaue Gründungstag lässt sich nicht sicher bestimmen.


Warum der Verzicht auf Fleisch nicht genügte

Im Mittelpunkt stand eine ethische Frage: Wenn man das Töten und die Ausbeutung von Tieren ablehnte, konnte man dann weiterhin Milchprodukte und Eier konsumieren?


Watson erläuterte im ersten „Vegan News“ vom November 1944, dass auch die Milchproduktion mit der Schlachtung von Tieren verbunden sei. Die Vorstellung, für Milch müsse kein Tier getötet werden, hielt er deshalb für unhaltbar. Für ihn waren Fleischproduktion und Milchwirtschaft wirtschaftlich miteinander verflochten.


Seinem Bericht zufolge hatten die damaligen Mitglieder aus Mitgefühl mit Tieren auf Milchprodukte verzichtet. Gesundheitliche Überlegungen kamen ebenfalls vor, doch der ausdrücklich genannte Beweggrund dieser Gruppe war tierethisch. Die Ablehnung tierischer Lebensmittel sollte eine Konsequenz aus dem bisherigen vegetarischen Anliegen ziehen.


Der Weg zur eigenen Organisation

Vor der Gründung hatte Watson vorgeschlagen, innerhalb der Vegetarian Society eine eigene Gruppe für Menschen zu bilden, die auch Milchprodukte ablehnten.

Nach seiner zeitgenössischen Darstellung prüfte der Vorstand den Vorschlag wohlwollend, wollte die Kräfte der Organisation aber weiterhin auf die Abschaffung des Fleischessens konzentrieren. Eine unabhängige Gruppe könne ihr weitergehendes Anliegen freier verfolgen.

Watson begann daraufhin mit einem eigenen Rundbrief. Die erste Ausgabe des „Vegan News“ erschien im November 1944. Sie sollte Argumente vermitteln, Erfahrungen sammeln und Menschen miteinander verbinden, die unter unterschiedlichen Bedingungen nach geeigneten Möglichkeiten für ihre Lebensweise suchten.


Wie das Wort „vegan“ entstand

Für die neue Gruppe wurde eine kurze, verständliche Bezeichnung gesucht. „Non-dairy vegetarians“, also Vegetarier ohne Milchprodukte, erschien als umständlich und unvollständig: Der Begriff machte den Verzicht auf Eier nicht deutlich.

Watson verwendete schließlich „vegan“. Das Wort besteht aus den ersten drei und den letzten beiden Buchstaben von „vegetarian“.


Zur Namensfindung gehören mehrere Beiträge. In der zweiten Ausgabe des Rundbriefs vom Februar 1945 schrieb Watson, G. A. Henderson und dessen Frau Fay hätten zuvor „Allvega“ für die Gruppe und „Allvegan“ für die Zeitschrift vorgeschlagen. Daraus sei die kürzere Bezeichnung entstanden.

Eine später überlieferte Familienerinnerung schreibt auch Dorothy Morgan, Watsons späterer Frau, einen entscheidenden Vorschlag zu. Ein gemeinsames Brainstorming aller vier Personen ist damit jedoch nicht sicher belegt. Die zeitgenössische Erklärung Watsons und die spätere Erinnerung sollten als unterschiedliche Überlieferungen kenntlich bleiben.


Was hinter der Gründung stand

Für mich liegt die Bedeutung dieses Anfangs darin, dass Menschen eine vertraute Praxis grundsätzlich hinterfragten. Sie wollten ihre Kritik an der Nutzung von Tieren auch dort ernst nehmen, wo ein Verzicht unbequem war und passende Alternativen erst gefunden werden mussten.


Mit der eigenen Organisation und dem neuen Namen war ein Anfang gemacht. Wie daraus ein ausdrücklich formuliertes Prinzip über die Ernährung hinaus wurde, zeigt die anschließende Entwicklung der Definition.


Ein Prinzip nimmt Gestalt an: Wie Veganismus definiert wurde

Mit der Gründung der Vegan Society hatte die junge Bewegung einen Namen und eine organisatorische Heimat. Die Ablehnung der Ausbeutung von Tieren gehörte bereits zu ihren Beweggründen. In den folgenden Jahren ging es darum, diesen Anspruch genauer zu formulieren: Was bedeutete Veganismus über die Ernährung hinaus?

1949 brachte Leslie J. Cross einen wichtigen Vorschlag ein. Er beschrieb Veganismus als ein Prinzip der Befreiung von Tieren aus menschlicher Ausbeutung. Damit rückte er die grundlegende Beziehung zwischen Menschen und anderen Tieren in den Mittelpunkt.


Cross gab einer zuvor ausschließlich gesundheitlich begründeten Ernährung nicht nachträglich eine ethische Bedeutung. Diese war von Anfang an vorhanden. Sein Beitrag bestand darin, sie ausdrücklich als übergreifendes Prinzip zu formulieren.


Über die Ernährung hinaus

1951 berichtete Cross in der Zeitschrift „The Vegetarian World Forum“ über die überarbeiteten Regeln der Society. Als Ziel beschrieb er, die Ausbeutung von Tieren durch Menschen zu beenden. Die daraus abgeleiteten Aufgaben betrafen unter anderem Ernährung, Warenherstellung, Arbeit, Jagd und Tierversuche.


Die Ernährung war damit ein Anwendungsbereich eines umfassenderen Gedankens. Derselbe Grundsatz betraf beispielsweise die Verwendung tierischer Materialien für Kleidung und andere Produkte. Die Frage lautete nicht allein, was auf dem Teller lag, sondern welche Formen der Tiernutzung vermieden werden konnten.


Die heutige Definition: Soweit möglich und praktisch durchführbar

Die Definition wurde über die Jahrzehnte weiterentwickelt. Nach der historischen Darstellung der Vegan Society war die heute gebräuchliche Formulierung spätestens im Winter 1988 in Verwendung; ihr Wortlaut wurde anschließend noch geringfügig verändert.


Sinngemäß beschreibt sie Veganismus als eine Philosophie und Lebensweise, die alle Formen der Ausbeutung von und Grausamkeit gegenüber Tieren ausschließen möchte – soweit möglich und praktisch durchführbar. Das betrifft Ernährung, Kleidung und andere Zwecke. Dazu gehört auch, tierfreie Alternativen zum Nutzen von Menschen, Tieren und Umwelt zu entwickeln und zu verwenden.


Ein weitreichender Anspruch unter realen Bedingungen

Für mich verdient der Zusatz „soweit möglich und praktisch durchführbar“ besondere Aufmerksamkeit. Er berücksichtigt, dass Menschen unter unterschiedlichen Bedingungen handeln. Welche Alternativen zugänglich sind, welche Mittel zur Verfügung stehen und worüber jemand selbst entscheiden kann, ist nicht überall gleich.


Veganismus verlangt damit keine Garantie, dass durch das eigene Leben niemals ein Tier zu Schaden kommt. Entscheidend ist das Bemühen, Ausbeutung und Grausamkeit im Rahmen der tatsächlichen Möglichkeiten zu vermeiden. Ein unbeabsichtigt verletztes Tier widerlegt dieses Anliegen ebenso wenig, wie ein unvermeidbarer Schaden jede vermeidbare Tiernutzung rechtfertigt.


Praktische Grenzen müssen dabei ernst genommen und geprüft werden. Sie können sich verändern: durch neue Erkenntnisse, bessere Angebote oder andere Lebensbedingungen. Was gestern schwer umsetzbar war, kann morgen leichter werden.

Dass die Berücksichtigung persönlicher Möglichkeiten historische Wurzeln hat, zeigt bereits Cross’ Bericht von 1951. Darin wurden Mitglieder aufgefordert, dem Ideal so nahe zu kommen, wie ihre Lebensumstände es zuließen.


Überzeugung benötigt Möglichkeiten

Der Anspruch war also weitreichend, während seine Umsetzung die Lebenswirklichkeit berücksichtigen sollte. Für mich verbindet diese Spannung die frühe Bewegung mit der Gegenwart: Eine Überzeugung gibt die Richtung vor. Wissen, geeignete Produkte und Unterstützung helfen dabei, ihr im Alltag zu folgen.


Wie schwierig das gerade in den ersten Jahrzehnten sein konnte, zeigt der Blick auf die damaligen Möglichkeiten – beim Einkaufen, bei der Suche nach Alternativen und im Umgang mit Familie und gesellschaftlichen Erwartungen.


Vegan leben in den ersten Jahrzehnten: Überzeugung braucht Möglichkeiten

Ein ethischer Grundsatz beantwortet bisher nicht alle Fragen des Alltags. Wo bekommt man geeignete Lebensmittel? Welche Schuhe kommen ohne Leder aus? Und wie erklärt man seine Entscheidung einer Familie, für die Fleisch, Milch und Eier selbstverständlich dazugehören? Für die frühe vegane Bewegung waren solche Fragen ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit. Die Überzeugung musste sich unter Bedingungen bewähren, in denen passende Angebote und Unterstützung erst aufgebaut wurden.


Informationen als Hilfe im Alltag

Nach der historischen Darstellung der Vegan Society stand in ihren ersten Jahrzehnten häufig die Frage im Vordergrund, wie man vegan leben konnte. Die Gesellschaft recherchierte geeignete Produkte und stellte Bezugslisten zusammen. Dabei ging es um Lebensmittel ebenso wie um Schuhe ohne tierische Materialien. Rundbriefe und Zeitschriften ermöglichten es, Informationen und Erfahrungen weiterzugeben.


Eine solche Liste mag heute unscheinbar wirken. Für jemanden, der vor Ort keine geeigneten Produkte fand, konnte sie eine konkrete Hilfe sein. Gemeinsames Wissen erleichterte es, eine persönliche Überzeugung tatsächlich umzusetzen.


Die Suche nach pflanzlicher Milch

Besonders anschaulich zeigt sich diese Aufbauarbeit bei den Milchalternativen. Frühe Mitglieder stellten selbst Getränke aus Nüssen her. Das konnte jedoch teuer sein: 1952 bat die Vegan Society den britischen Ernährungsminister um günstigere Nüsse und eine Anpassung der weiterhin bestehenden Lebensmittelrationen.

1956 entstand auf Initiative von Leslie Cross die Plantmilk Society. Sie sollte die Entwicklung und Herstellung pflanzlicher Milchalternativen voranbringen.


Aus dieser Initiative ging das Unternehmen Plantmilk hervor, später als Plamil bekannt. 1965 begann die Herstellung eines Sojadrinks. Damit entstand eine gebrauchsfertige Alternative, die den Alltag ohne Kuhmilch erleichtern konnte.


Wenn eine persönliche Entscheidung zum Familienkonflikt wird

Wie schwierig eine vegane Lebensweise auch im persönlichen Umfeld sein konnte, hat mir ein Bekannter erzählt. Als 85-Jähriger berichtete er mir, dass er seit seinem fünfzehnten Lebensjahr vegan lebte.

Nach seiner Erzählung führte diese Entscheidung zu heftigen Auseinandersetzungen mit seiner Familie. Sein Vater schlug ihn deswegen. Seine Mutter ging mit ihm zu einem Arzt. Dieser habe ihm erklärt, ohne Fleisch, Milch, Joghurt und andere tierische Lebensmittel könne er nicht überleben. Innerhalb der nächsten zehn Jahre werde er wahrscheinlich an Unterernährung und Unterversorgung sterben.


Mich berührt diese Geschichte bis heute. Ein Jugendlicher traf eine Entscheidung aus Überzeugung und erlebte dafür Gewalt und eine medizinische Warnung, die ihm kaum Raum für eine sachliche Auseinandersetzung ließ.


Diese Erinnerung beschreibt seine persönliche Erfahrung. Sie lässt sich nicht auf sämtliche Familien oder Ärzte jener Zeit übertragen. Für mich macht sie dennoch greifbar, was hinter einer scheinbar einfachen Ernährungsentscheidung stehen konnte: Konflikte am gemeinsamen Tisch, Angst um die Gesundheit und das Gefühl, mit seiner Überzeugung allein zu sein.

Dass mein Bekannter viele Jahrzehnte vegan lebte, ersetzt allerdings keine Untersuchung seiner damaligen Nährstoffversorgung. Seine Lebensgeschichte beantwortet eine andere Frage: welchen Widerständen ein Mensch begegnen konnte, wenn er seinen Umgang mit Tieren verändern wollte.


Vom persönlichen Versuch zum gemeinsamen Wissen

Bezugslisten, Erfahrungsaustausch und neue Produkte schufen fortwährend bessere Voraussetzungen. Die Geschichte des Veganismus ist deshalb auch eine Geschichte praktischer Aufbauarbeit.


Für mich gehört diese Arbeit ebenso dazu wie die Formulierung ethischer Grundsätze. Menschen mussten Möglichkeiten finden, ihre Überzeugung im Alltag zu leben, und konnten dabei voneinander lernen.

Neben geeigneten Produkten brauchten sie verlässliches Ernährungswissen. Gerade die Versorgung mit Vitamin B12 wurde dabei zu einer entscheidenden Frage. Ihre Geschichte zeigt, warum auch eine aus guten Gründen gewählte Lebensweise wissenschaftliche Prüfung und neue Erkenntnisse braucht.


Vitamin B12: Ernährungswissen musste wachsen

Als die Vegan Society 1944 gegründet wurde, war Vitamin B12 noch nicht isoliert worden. Die frühen Mitglieder begannen ihre gemeinsame Arbeit also zu einer Zeit, in der ein für ihre Ernährung entscheidender Nährstoff noch nicht ausreichend erforscht war.


1948 veröffentlichten Edward L. Rickes und seine Kollegen die erfolgreiche Isolierung von kristallinem Vitamin B12. Diese Entdeckung schuf eine wichtige Grundlage dafür, seine Bedeutung genauer zu untersuchen und gezielt wirksame Präparate zu entwickeln (Rickes et al., 1948).


Gesundheitliche Probleme werden untersucht

In den folgenden Jahren rückte auch die Versorgung vegan lebender Menschen in den Blick der Forschung. Frank Wokes, John Badenoch und Hugh Sinclair veröffentlichten 1955 eine Untersuchung, in der sie niedrige Vitamin-B12-Werte und gesundheitliche Beschwerden bei einem Teil der untersuchten vegan lebenden Menschen beschrieben. Dazu gehörten auch neurologische Symptome. Die Autoren berichteten außerdem über Verbesserungen nach der Gabe des Vitamins (Wokes et al., 1955).

Diese Veröffentlichung ist ein wichtiges historisches Zeugnis. Sie dokumentiert, dass die Frage der Nährstoffversorgung konkrete gesundheitliche Folgen haben konnte.


Allerdings entspricht eine Untersuchung aus den 1950er-Jahren nicht den heutigen diagnostischen und methodischen Standards. Nicht jede damalige Erklärung lässt sich unverändert übernehmen. Ebenso wenig lässt sich rückblickend jede berichtete Beschwerde eindeutig einem Vitamin-B12-Mangel zuordnen.


Für mich bleibt die wesentliche Erkenntnis dennoch klar: Eine ethische Überzeugung beantwortet nicht automatisch die Frage, ob eine Ernährung alle benötigten Nährstoffe liefert. Dafür braucht es überprüfbares Wissen.


Warum ein Mangel lange unbemerkt bleiben kann

Bei meinem Bekannten hat mich besonders beschäftigt, dass er nach seinen Erzählungen zunächst viele Jahre ohne Vitamin-B12-Präparate lebte und erst später mit der Supplementierung begann. Wie lange diese erste Phase genau dauerte und wie seine Versorgung damals aussah, kann ich nicht zuverlässig rekonstruieren.


Dass Beschwerden möglicherweise lange ausbleiben, ist grundsätzlich erklärbar: Der Körper besitzt Vitamin-B12‑Speicher. Bei unzureichender Zufuhr können deshalb mehrere Jahre vergehen, bevor erkennbare Mangelsymptome auftreten. Daraus lässt sich jedoch keine sichere Zeitspanne ableiten, in der ein Verzicht auf eine zuverlässige Versorgung unbedenklich wäre.

Auch das Fehlen einer Blutarmut schließt einen Mangel nicht aus. Neurologische Schäden können unabhängig davon auftreten. Darauf weist das Office of Dietary Supplements der US-amerikanischen National Institutes of Health ausdrücklich hin.


Die persönliche Geschichte meines Bekannten bleibt deshalb beeindruckend. Seine damalige Nährstoffversorgung lässt sich daraus aber nicht beurteilen.


Was heute daraus folgt

Heute gehört eine zuverlässige Vitamin-B12-Versorgung zu den Grundlagen einer gut geplanten veganen Ernährung. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt vegan lebenden Menschen, dauerhaft, regelmäßig und zuverlässig ein Vitamin-B12-Präparat einzunehmen und die Versorgung regelmäßig ärztlich überprüfen zu lassen.


Mit Vitamin B12 angereicherte Lebensmittel können ebenfalls zur Zufuhr beitragen. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Pflanzendrinks. Entscheidend ist die tatsächliche Anreicherung: Sie lässt sich nicht allein aus der Bezeichnung eines Produkts ableiten, sondern muss anhand der Angaben auf der Verpackung geprüft werden. Die DGE empfiehlt weiterhin ausdrücklich die regelmäßige Einnahme eines Präparats.


Wissenschaftliches Lernen gehört zur Geschichte

Für mich gehört diese Entwicklung ausdrücklich in einen Rückblick auf den Veganismus. Die frühen Mitglieder mussten gesellschaftliche Widerstände bewältigen und zugleich mit Wissenslücken umgehen, deren Bedeutung erst allmählich deutlich wurde.


Neue Erkenntnisse machten es möglich, die praktische Umsetzung zu verbessern. Die ethische Frage nach dem Umgang mit Tieren blieb bestehen; das Wissen über eine bedarfsdeckende Ernährung entwickelte sich weiter.


Während geeignete Produkte und Ernährungswissen den Alltag erleichterten, entstanden auch neue Verbindungen über Großbritannien hinaus. Aus der kleinen organisierten Gemeinschaft wurde schrittweise eine international sichtbarere Bewegung.


Eine Bewegung wird international und sichtbarer

Die Geschichte des organisierten Veganismus blieb nicht auf Großbritannien beschränkt. In den folgenden Jahrzehnten entstanden weitere Organisationen. Persönliche Kontakte, Veröffentlichungen und Vorträge ermöglichten den Austausch über Ländergrenzen hinweg. Gleichzeitig erhielt die Frage nach dem Umgang mit Tieren neue philosophische und öffentliche Aufmerksamkeit.


1960: Die American Vegan Society entsteht

In den USA gründete H. Jay Dinshah 1960 die American Vegan Society. Gemeinsam mit seiner Frau Freya setzte er sich über Jahrzehnte für die Verbreitung der veganen Lebensweise ein.

Dinshah verband Veganismus mit dem Prinzip Ahimsa, das sich als Nichtverletzen oder Gewaltlosigkeit verstehen lässt. Sein Ansatz umfasste neben dem Verzicht auf tierische Produkte auch das aktive Bemühen, anderen zu helfen und Schaden zu vermeiden.


Zeitschriften, Vorträge und persönliche Begegnungen trugen diese Gedanken weiter. Nach Angaben der American Vegan Society sprach Dinshah in rund zwei Dutzend Ländern auf fünf Kontinenten.


Deutschland: Eine Vorgeschichte ohne eindeutiges Ankunftsdatum

Wann kam Veganismus nach Deutschland? Darauf lässt sich kein einzelnes Jahr als Antwort nennen. Die Geschichte einer Lebensweise und die Verbreitung ihres Namens sind unterschiedliche Entwicklungen.


Die Historikerin Florentine Fritzen beschreibt in ihrem Buch „Gemüseheilige“ Menschen, die sich bereits im Deutschland des 19. Jahrhunderts ausschließlich pflanzlich ernährten. Manche bezeichneten sich als „strenge Vegetarier“, um sich von Menschen abzugrenzen, die weiterhin Milch und Eier konsumierten. Zu ihnen gehörte Reinhold Riedel, dessen Ernährungsumstellung Fritzen für die 1890er-Jahre schildert (Fritzen, 2016).


Solche Lebensweisen hatten unterschiedliche gesundheitliche, ethische und lebensreformerische Begründungen. Sie lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres mit allen Vorstellungen des heutigen Veganismus gleichsetzen.

Der 1944 geprägte Begriff wurde im Deutschen erst über die folgenden Jahrzehnte geläufig. Für mich ist diese Unterscheidung wichtig: Die Gründung der Vegan Society gab der Bewegung einen Namen und eine organisatorische Heimat. Sie markierte aber nicht den Beginn jeder rein pflanzlichen Lebensweise außerhalb Großbritanniens.


1975: Neue Aufmerksamkeit für die Tierethik

Mit Peter Singers Buch „Animal Liberation“ erschien 1975 ein Werk, das die moderne Tierbefreiungsbewegung wesentlich beeinflusste.

Singer rückte die Interessen empfindungsfähiger Tiere ins Zentrum seiner Argumentation. Die Zugehörigkeit zu einer anderen Art rechtfertigt in seinem Ansatz nicht, vergleichbare Interessen geringer zu gewichten. Besonders die Fähigkeit, Leid zu erfahren, ist dafür entscheidend.


Damit wurde Veganismus nicht neu erfunden. Die Frage nach der moralischen Berücksichtigung von Tieren erhielt jedoch eine einflussreiche philosophische Begründung und erreichte zusätzliche Leser.

Für mich gehört dazu auch eine begriffliche Sorgfalt: Vegane Lebensweise, Tierbefreiungsbewegung und tierethische Philosophie sind miteinander verbunden, aber nicht deckungsgleich. Sie umfassen unterschiedliche Begründungen und Vorstellungen darüber, welche praktischen Konsequenzen daraus folgen.


1990: Ein Zeichen erleichtert die Orientierung

Ein weiterer Schritt betraf den Einkauf. 1990 führte die Vegan Society ihr Vegan Trademark ein, das in Deutschland häufig als Veganblume bezeichnet wird.


Die Kennzeichnung sollte geeignete Produkte leichter erkennbar machen. Sie betrifft Lebensmittel ebenso wie andere Produktbereiche, unter anderem Kosmetik. Damit ergänzte ein sichtbares Zeichen die bisherigen Produktinformationen und Bezugslisten.


Für Verbraucher konnte das eine konkrete Erleichterung bedeuten: Sie mussten die Eignung eines gekennzeichneten Produkts nicht mehr allein anhand einzelner, möglicherweise schwer verständlicher Inhaltsstoffangaben beurteilen.


1994: Der erste Weltvegantag

Zum fünfzigjährigen Bestehen der Vegan Society führte die damalige Vorsitzende Louise Wallis 1994 den Weltvegantag am 1. November ein. Der Gründungsmonat der Society war bekannt, der genaue Gründungstag jedoch nicht sicher überliefert.

Die Bewegung bekam damit einen jährlich wiederkehrenden Anlass, ihre Anliegen öffentlich vorzustellen.


Diese Meilensteine zeigen Entwicklungen auf mehreren Ebenen: Organisationen ermöglichten Austausch und Unterstützung, philosophische Texte vertieften die ethische Debatte, und Kennzeichnungen erleichterten praktische Entscheidungen.


Größere Sichtbarkeit bedeutete allerdings noch nicht automatisch breite gesellschaftliche Zustimmung. Auch der Zugang zu geeigneten Produkten blieb eine wichtige Frage. Besonders deutlich lässt sich der weitere Wandel deshalb dort beobachten, wo Menschen ihren Alltag organisieren: beim Einkaufen.


Produktangebot: Vom Reformhaus zum Supermarkt

Wer heute einen Pflanzendrink, einen veganen Brotaufstrich oder eine Alternative zu Fleisch kaufen möchte, findet solche Produkte in vielen Supermärkten und Discountern. Für frühere Generationen vegan lebender Menschen war dieser Zugang weit weniger selbstverständlich.


Auch mein Bekannter erzählte mir, dass er spezielle Produkte zunächst vorwiegend über Reformhäuser beziehen konnte. Seine Erinnerung beschreibt eine persönliche Erfahrung. Sie passt jedoch zu einer Entwicklung, in der spezialisierte Geschäfte lange wichtige Anlaufstellen waren, bevor pflanzliche Alternativen ein breiteres Publikum erreichten.


Pflanzliche Ernährung gab es schon vor den Ersatzprodukten

Bei diesem Rückblick ist mir eine Unterscheidung wichtig: Vegane Ernährung war nicht erst möglich, als es pflanzliche Burger oder Joghurtalternativen gab. Kartoffeln, Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und Nüsse gehören seit Langem zur menschlichen Ernährung.


Verändert hat sich besonders das Angebot an Produkten, die vertraute Funktionen tierischer Lebensmittel übernehmen: ein Getränk für den Kaffee, ein Aufstrich für das Brot oder eine Zutat zum Backen.

Solche Alternativen können eine Umstellung erleichtern. Sie ermöglichen es, Gewohnheiten beizubehalten und zugleich andere Zutaten zu verwenden.


Spezialisierte Geschäfte als Wegbereiter

Ein Beispiel für die Entwicklung unterschiedlicher Vertriebswege liefern Alpro und Provamel. Alpro begann 1980 mit der Herstellung pflanzlicher Produkte. Die historische Dokumentation des SoyInfo Center beschreibt, wie die Marke Provamel über Reform- und Naturkostgeschäfte vertrieben wurde, während Alpro den Supermarkthandel bediente (Shurtleff & Aoyagi, 2015).


Der Weg in den gewöhnlichen Lebensmitteleinkauf entstand also schrittweise. Spezialisierte Geschäfte und größere Handelsketten bestanden dabei nebeneinander.


Für mich liegt darin ein wichtiger Teil dieser Geschichte: Ein Produkt kann bereits entwickelt sein, ohne für die meisten Menschen leicht erreichbar zu sein. Erst seine Verfügbarkeit vor Ort macht daraus eine alltagstaugliche Möglichkeit.


Pflanzliche Alternativen erreichen die Discounter

Wie weit sich das Angebot inzwischen verbreitert hat, zeigt ein Beispiel aus dem deutschen Handel. In seinem Factsheet zum Veganuary 2026 nennt ALDI SÜD mehr als 1.400 vegan gekennzeichnete Produktsorten.


Diese Zahl braucht allerdings eine genaue Einordnung: Gezählt wurden Lebensmittel und Kosmetikprodukte, die über das gesamte Jahr 2024 angeboten wurden. Dazu gehörten Standard-, Aktions- und Saisonware. Gemeint sind deshalb weder 1.400 dauerhaft verfügbare Lebensmittel noch das gleichzeitige Angebot einer einzelnen Filiale.

Trotz dieser Einschränkung veranschaulicht das Beispiel einen deutlichen Wandel. Vegan gekennzeichnete Produkte sind inzwischen Bestandteil des Angebots eines großen Discounters.


Was die Produktionszahlen zeigen

Auch die amtliche Statistik dokumentiert eine erhebliche Veränderung. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden in Deutschland 2025 rund 124.900 Tonnen sogenannter Fleischersatzprodukte hergestellt. Gegenüber 2019 mit rund 60.400 Tonnen entspricht das einem Anstieg um 107 Prozent.

Die Entwicklung verlief zuletzt allerdings nicht durchgehend aufwärts: Gegenüber 2024 sank die Produktionsmenge 2025 um 1,2 Prozent.


Zudem umfasst die statistische Kategorie vegetarische und vegane Lebensmittelzubereitungen, darunter Tofuprodukte und bestimmte Brotaufstriche. Sie bildet weder ausschließlich vegane Fleischalternativen noch den gesamten Markt veganer Lebensmittel ab.


Produktionsmengen sind außerdem keine unmittelbaren Verbrauchszahlen. Aus ihnen lässt sich weder ablesen, wie viele Menschen vegan leben, noch, wer diese Produkte kauft.


Ein größeres Angebot verändert die Möglichkeiten

Für mich besteht der wesentliche Fortschritt darin, dass sich eine vegane Lebensweise heute vielerorts leichter in den gewöhnlichen Einkauf integrieren lässt. Manche Umwege und aufwendigen Produktsuchen früherer Jahrzehnte entfallen.


Das Angebot bleibt dennoch von Ort, Geschäft, Preis und persönlichen Bedürfnissen abhängig. Eine größere Auswahl bedeutet nicht, dass jedes Produkt für jeden Menschen erreichbar oder geeignet ist.


Ebenso wenig verrät der Kauf eines Pflanzendrinks bereits etwas über die ethische Haltung eines Menschen. Marktentwicklung und vegane Überzeugung sind miteinander verbunden, lassen sich aber nicht gleichsetzen.


Der Wandel im Supermarkt hat praktische Möglichkeiten geschaffen. Ob diese auch außerhalb der eigenen Küche bestehen, zeigt sich an einem weiteren Ort des Alltags: in Restaurants, Kantinen und anderen gastronomischen Angeboten.


Gastronomie: Vom improvisierten Essen zum eigenen Menü

Der Wandel im Supermarkt erleichterte das Kochen zu Hause. Beim Essen außer Haus stellte sich eine andere Frage: Gab es auf der Speisekarte ein geeignetes Gericht – oder musste man erst herausfinden, welche Zutaten sich weglassen ließen?

Wenn ein veganes Angebot fehlte, blieb häufig das Zusammenstellen von Beilagen oder die Nachfrage nach einer abgewandelten Zubereitung. Dabei genügte es nicht unbedingt, Fleisch oder Käse vom Teller zu entfernen. Auch Brühe, Butter oder Sahne konnten Bestandteil eines vermeintlich passenden Gerichts sein.


Ein ausdrücklich veganes Menü verändert diese Situation. Es ermöglicht eine gewöhnliche Bestellung, ohne dass Gäste jede einzelne Zutat mit der Küche besprechen müssen.


Pflanzliche Gerichte werden Teil des regulären Angebots

Ein Beispiel für die Erweiterung gastronomischer Angebote liefert die Deutsche Bahn. Sie teilte 2022 mit, dass seit März mehr als die Hälfte ihrer angebotenen Speisen vegetarisch oder vegan sei.

Auch diese Angabe benötigt eine genaue Einordnung: Vegetarische und vegane Speisen wurden gemeinsam gezählt. Daraus folgt weder, dass die Hälfte des Angebots vegan war, noch, dass die Hälfte der verkauften Gerichte ohne tierische Zutaten auskam.

Dennoch dokumentiert die Änderung, dass entsprechende Gerichte einen erheblichen Platz auf der regulären Speisekarte bekamen.


Für mich liegt darin ein praktischer Fortschritt, der über einzelne Mahlzeiten hinausgeht. Wer mit Freunden, Kollegen oder der Familie unterwegs ist, kann leichter gemeinsam essen, wenn unterschiedliche Ernährungsweisen berücksichtigt werden.


Pflanzliche Küche als eigenständiges Konzept

Auch in der anspruchsvollen Gastronomie entstanden Konzepte, die pflanzliche Zutaten ins Zentrum rückten.

Der Guide Michelin beschreibt unter anderem das Frankfurter Restaurant Seven Swans als rein vegan. Seine Küche arbeitet mit regionalen Bio-Produkten; viele Zutaten stammen vom eigenen Bauernhof in der Nähe.


Ein solches Konzept zeigt eine weitere Möglichkeit: Gemüse, Getreide und andere pflanzliche Zutaten können den Ausgangspunkt eines Menüs bilden. Die kulinarische Aufgabe besteht dann darin, ihre Eigenschaften zu erkunden und daraus eigenständige Gerichte zu entwickeln.


Eleven Madison Park: Ein starkes Signal

Besonders große Aufmerksamkeit erhielt das New Yorker Restaurant Eleven Madison Park unter Küchenchef Daniel Humm. Nach der pandemiebedingten Schließung eröffnete es 2021 mit einem vollständig pflanzlichen Menü wieder. 2022 behielt es seine drei Michelin-Sterne auch mit diesem Konzept.


Für mich war das ein starkes Signal. Ein international bekanntes Spitzenrestaurant zeigte, dass eine Küche ohne tierische Zutaten auf höchstem gastronomischem Niveau anerkannt werden konnte.


2025 folgte jedoch eine Kursänderung. Humm kündigte an, ab dem 14. Oktober wieder ausgewählte tierische Produkte anzubieten, darunter Fisch und Fleisch. Ein vollständig pflanzliches Menü sollte weiterhin verfügbar bleiben. Der aktuelle Michelin-Eintrag beschreibt ebenfalls die Möglichkeit, einzelne Gänge mit tierischen Zutaten zu wählen.


Eine Enttäuschung gehört ebenfalls in diese Geschichte

Diese Entscheidung hat mich traurig gemacht. Für mich hatte die Umstellung eine Bedeutung, die über die Speisekarte hinausging. Entsprechend empfand ich die Rückkehr tierischer Produkte als Rückschritt.

In sozialen Medien begegneten mir zudem abwertende Kommentare, die daraus eine allgemeine Niederlage veganer Küche machten: Die Entscheidung zeige angeblich, dass niemand solche Gerichte wolle und das Konzept zwangsläufig scheitern müsse.


Das beschreibt meine persönliche Beobachtung, keine systematische Auswertung der öffentlichen Reaktionen. Die Schlussfolgerung halte ich dennoch für zu weitreichend. Die Entscheidung eines einzelnen Restaurants belegt nicht, dass pflanzliche Gastronomie grundsätzlich unerwünscht oder wirtschaftlich unmöglich wäre.


In seiner Erklärung begründete Humm den Wechsel mit dem Wunsch, mehr Gästen eine Wahl zu ermöglichen und sie gemeinsam an den Tisch zu bringen. Das ist die Selbstdarstellung des Restaurants; sie ersetzt keine unabhängige Untersuchung seiner wirtschaftlichen Situation.


Neue Möglichkeiten, keine geradlinige Entwicklung

Für mich gehört beides in diesen Rückblick: Pflanzliche Küche hat neue Räume erschlossen und gastronomische Anerkennung erhalten. Zugleich können Angebote verändert, eingeschränkt oder wieder um tierische Produkte ergänzt werden.


Einzelne Spitzenrestaurants bilden dabei nur einen kleinen Ausschnitt des Alltags ab. Ob Menschen unkompliziert vegan essen können, entscheidet sich ebenso in der Kantine, im Gasthaus oder beim gemeinsamen Restaurantbesuch vor Ort.


Eine passende Speisekarte erleichtert die Teilnahme. Wie selbstverständlich die persönliche Entscheidung am gemeinsamen Tisch akzeptiert wird, ist damit allerdings noch nicht beantwortet. Genau hier beginnt die Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz.


Gesellschaftliche Akzeptanz: Mehr Sichtbarkeit, weiterhin Vorbehalte

Der Wandel im Supermarkt und auf den Speisekarten hat den veganen Alltag vielerorts erleichtert. Doch wie Menschen pflanzliche Lebensmittel bewerten und wie sie vegan lebenden Menschen begegnen, sind zwei unterschiedliche Fragen. Wer gern Haferdrink verwendet oder gelegentlich einen pflanzlichen Burger bestellt, muss deshalb noch lange keine Zustimmung zum ethischen Anliegen des Veganismus empfinden.


Für mich liegt hier eine wichtige Unterscheidung: Ein größeres Angebot schafft praktische Möglichkeiten. Wie selbstverständlich eine vegane Lebensweise gesellschaftlich akzeptiert wird, lässt sich daraus allein nicht ableiten.


Was wir essen, kann auch ausdrücken, welcher Gemeinschaft wir uns zugehörig fühlen und welche Werte uns wichtig sind. Entsprechend können unterschiedliche Ernährungsweisen zum Anlass werden, Menschen in Gruppen einzuteilen und mit bestimmten Eigenschaften zu verbinden.


Eine 2023 veröffentlichte Untersuchung mit 672 Studierenden einer US-amerikanischen Universität macht diese Verbindung sichtbar. Die Teilnehmenden sollten spontan Begriffe nennen, die ihnen zu vegan, vegetarisch und omnivor lebenden Menschen einfielen. Insgesamt wurden vegan lebende Menschen negativer beschrieben als vegetarisch lebende; diese wiederum negativer als Menschen mit einer Mischkost. Zugleich hing die Bewertung mit der eigenen Ernährung zusammen: Wer seinen Fleischkonsum stärker einschränkte, beschrieb vegan und vegetarisch lebende Menschen positiver (Nezlek et al., 2023).


Diese Untersuchung bildet weder die deutsche Bevölkerung ab, noch beweist sie eine Entwicklung über Jahrzehnte. Sie zeigt jedoch, wie eng Ernährung und soziale Zugehörigkeit miteinander verbunden sein können.

Auch die Begründung einer Ernährungsentscheidung spielt eine Rolle. MacInnis und Hodson (2017) fanden in einer ihrer Untersuchungen, dass die befragten Menschen mit einer Mischkost vegetarisch und vegan lebende Menschen besonders negativ bewerteten, wenn Tierrechte oder Umweltschutz als Beweggründe genannt wurden. Gesundheitsmotive stießen auf weniger Ablehnung. Eine persönliche Ernährungsentscheidung kann offenbar unterschiedlich aufgenommen werden, je nachdem, welche Werte sie zum Ausdruck bringt.


Einen möglichen Mechanismus untersuchten Minson und Monin (2012) anhand der Bewertung vegetarisch lebender Menschen. In ihrem Experiment fiel die Bewertung weniger positiv aus, wenn fleischessende Teilnehmende zuvor darüber nachdenken sollten, wie Vegetarier deren Ernährungsweise moralisch beurteilen würden. Schon die erwartete moralische Bewertung konnte also Abwehr begünstigen.


Das erklärt einen möglichen Teil solcher Konflikte. Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass jeder Einwand gegen Veganismus auf einem schlechten Gewissen beruht. Sachliche Fragen zu Ernährung, Kosten oder Alltagstauglichkeit verdienen sachliche Antworten. Ebenso wenig beschreiben einzelne Studien sämtliche Begegnungen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ernährungsweisen.


Nach über acht Jahrzehnten ergibt sich deshalb ein widersprüchliches Bild: Pflanzliche Angebote sind sichtbarer und leichter zugänglich geworden. Gleichzeitig dokumentieren die beschriebenen Untersuchungen weiterhin Vorbehalte gegenüber Menschen, die sich vegan ernähren. Wie stark diese Vorbehalte in einer bestimmten Gesellschaft verbreitet sind und wie sie sich langfristig verändern, lässt sich aus diesen Studien allein nicht bestimmen.


Für mich gehört beides in diese Geschichte. Gesellschaftliche Akzeptanz zeigt sich auch darin, ob jemand am gemeinsamen Tisch seine Entscheidung erklären kann, ohne verspottet oder unter Druck gesetzt zu werden. Und sie braucht eine Debatte, in der überprüfbare Erkenntnisse ebenso ihren Platz haben wie die ethische Frage, was wir anderen Lebewesen zumuten dürfen.


Neben der Tierethik haben gesundheitliche und ökologische Fragen zusätzliche Aufmerksamkeit für pflanzliche Ernährung geschaffen. Welche Erkenntnisse dahinterstehen und wie weit sie reichen, verdient einen eigenen Blick.


Gesundheit und Umwelt: Zusätzliche Gründe für eine Veränderung

Das Mitgefühl mit Tieren gehörte zu den zentralen Beweggründen der frühen Vegan Society. Gesundheitliche Überlegungen waren allerdings ebenfalls schon vorhanden. Die Geschichte lässt sich deshalb nicht sauber in eine zunächst ausschließlich ethische und eine erst später gesundheitlich interessierte Bewegung aufteilen.


Verändert hat sich vor allem die wissenschaftliche Grundlage der Diskussion. Heute untersuchen große Studien Zusammenhänge zwischen Ernährung und Erkrankungen. Umweltforschung beschreibt außerdem, wie unterschiedliche Ernährungsweisen Klima, Flächenbedarf und Ökosysteme beeinflussen.


Gesundheit: Die Lebensmittelauswahl ist entscheidend

Eine systematische Übersichtsarbeit von Wang und Kollegen bündelte 2023 insgesamt 76 Veröffentlichungen mit Daten von mehr als zwei Millionen Menschen. Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung war darin mit einem geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Besonders günstig fielen die Zusammenhänge aus, wenn Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte einen hohen Stellenwert hatten (Wang et al., 2023).


Dabei ging es nicht ausschließlich um vollständig vegane Ernährung. Viele untersuchte Ernährungsmuster betonten pflanzliche Lebensmittel, ohne tierische Produkte vollständig auszuschließen.

Zudem wurden Beobachtungsstudien ausgewertet. Sie zeigen Zusammenhänge, können aber andere Einflüsse auf die Gesundheit nicht vollständig ausschließen. Die Ergebnisse unterschieden sich teilweise erheblich zwischen den Studien.

Für mich ist deshalb die konkrete Lebensmittelauswahl wichtiger als ein pauschales Gesundheitsversprechen. Der Verzicht auf tierische Produkte allein macht eine Ernährung noch nicht ausgewogen. Auch eine pflanzliche Ernährung kann ungünstig zusammengestellt sein.


Die DGE bewertet vegane Ernährung neu

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung veröffentlichte 2024 eine Neubewertung ihrer Position. Für die gesunde erwachsene Allgemeinbevölkerung kann eine vegane Ernährung demnach gesundheitsfördernd sein. Voraussetzungen sind eine ausgewogene, gut geplante Lebensmittelauswahl, eine bedarfsdeckende Versorgung mit potenziell kritischen Nährstoffen und die Einnahme eines Vitamin-B12-Präparats.


Für Kinder, Jugendliche, Schwangere, Stillende und ältere Menschen spricht die DGE aufgrund der weiterhin eingeschränkten Datenlage weder eine eindeutige Empfehlung für noch gegen eine vegane Ernährung aus. Jugendliche gehören also weiterhin ausdrücklich zu diesen Gruppen.


Damit hat die DGE ihre frühere Position verändert: Für Kinder, Jugendliche, Schwangere und Stillende wurde eine vegane Ernährung zuvor nicht empfohlen. Die Neubewertung betont besonders fundierte Ernährungskenntnisse und rät diesen Gruppen dringend zu einer qualifizierten Ernährungsberatung.


Diese Entwicklung zeigt für mich, wie wissenschaftliche Bewertungen arbeiten sollten: Neue Erkenntnisse können eine Position verändern. Bestehende Unsicherheiten müssen dabei erkennbar bleiben.


Umwelt: Deutliche Unterschiede zwischen Ernährungsweisen

Auch die Umweltfolgen lassen sich inzwischen differenzierter untersuchen. Scarborough und Kollegen verknüpften 2023 Ernährungsdaten von mehr als 55.000 Menschen in Großbritannien mit Daten aus Lebenszyklusanalysen zur Lebensmittelproduktion.


Die berechneten ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen der vegan lebenden Gruppe lagen bei rund einem Viertel derjenigen der Gruppe mit hohem Fleischkonsum. Als hoch galt ein täglicher Verzehr von mindestens 100 Gramm Fleisch. Auch bei Flächennutzung und weiteren Umweltindikatoren zeigten sich geringere Belastungen (Scarborough et al., 2023).

Die Zahl beschreibt die untersuchten Ernährungsweisen und ihre berechneten Umweltwirkungen. Sie bedeutet nicht, dass jeder vegan lebende Mensch insgesamt einen um drei Viertel geringeren persönlichen Klimaabdruck hat.


Herkunft und Produktionsweise der Lebensmittel beeinflussten die Ergebnisse ebenfalls. Dennoch blieb der Zusammenhang zwischen einem höheren Anteil tierischer Lebensmittel und größeren Umweltbelastungen deutlich. Bereits die Gruppe mit geringem Fleischkonsum schnitt bei den meisten untersuchten Indikatoren günstiger ab als die Gruppe mit hohem Fleischkonsum.


Zusätzliche Argumente, unterschiedliche Fragen

Gesundheit und Umwelt geben Menschen weitere Gründe, ihre Ernährung zu verändern. Dabei können unterschiedliche Ziele zu unterschiedlichen Entscheidungen führen. Wer sein Erkrankungsrisiko senken oder die Umweltbelastung seiner Ernährung verringern möchte, muss daraus nicht zwangsläufig eine vollständig vegane Lebensweise ableiten.

Die tierethische Frage bleibt daneben bestehen: Unter welchen Bedingungen halten wir die Nutzung und Tötung anderer Tiere für gerechtfertigt?


Für mich erweitern die wissenschaftlichen Erkenntnisse die Diskussion. Sie helfen, gesundheitliche Voraussetzungen und ökologische Folgen besser zu beurteilen. Welche Verantwortung wir gegenüber Tieren übernehmen wollen, bleibt zugleich eine ethische Entscheidung.


Sobald Ernährung auch als Frage von Gesundheit, Klimaschutz und Ressourcen verstanden wird, betrifft sie zunehmend die Politik. Dort entscheidet sich unter anderem, welche Forschung gefördert wird, welche Produkte leichter verfügbar werden und welche Formen der Landwirtschaft Unterstützung erhalten.


Politik: Pflanzliche Proteine werden zum Handlungsfeld

Gesundheitliche und ökologische Erkenntnisse verändern auch die politische Diskussion über Ernährung. Pflanzliche Proteine werden dabei zunehmend als Möglichkeit betrachtet, regionale Wertschöpfung zu stärken, Importabhängigkeiten zu verringern und Ressourcen zu schonen.


Diese Ziele können sich mit veganen Anliegen überschneiden. Sie sind jedoch nicht automatisch mit dem ethischen Anspruch verbunden, die Ausbeutung von Tieren zu beenden. Welche Veränderungen ein Programm tatsächlich bewirkt, hängt von seiner Ausgestaltung und Umsetzung ab.


Baden-Württemberg: Eine Initiative mit mehreren Zielen

Ein Beispiel ist die Eiweißinitiative Baden-Württemberg, die im Juni 2012 von der Landesregierung ins Leben gerufen wurde. Sie soll unter anderem den Anbau von Körnerleguminosen ausweiten.

Ausdrücklich geht es dabei sowohl um Lebensmittel als auch um Futtermittel. Außerdem soll der Eiweißertrag von Grünland- und Ackerfutterflächen verbessert werden.

Diese Unterscheidung ist für mich entscheidend. Erbsen, Ackerbohnen oder Sojabohnen können direkt der menschlichen Ernährung dienen. Sie können aber auch importierte Futtermittel ersetzen und damit die bestehende Tierhaltung unterstützen.


Ein größerer heimischer Eiweißpflanzenanbau bedeutet deshalb für sich genommen noch keinen Rückgang der Tiernutzung. Dafür müsste zusätzlich betrachtet werden, wofür die Ernte verwendet wird und welche Produkte sie ersetzt.


Neue Lebensmittel und regionale Produktion

Die 2024 beschlossene Fortschreibung der Landesstrategie „Nachhaltige Bioökonomie Baden-Württemberg“ für die Jahre 2025 bis 2029 nennt ebenfalls die regionale Produktion pflanzlicher Proteine als Schwerpunkt. Forschung und Unternehmen sollen dabei unterstützt werden, neue Produkte und Verfahren in die Praxis zu bringen.

Der Ansatz reicht allerdings über pflanzliche Lebensmittel hinaus. Die Strategie nennt auch alternative Proteinquellen durch Mikroorganismen, Insekten und zelluläre Produktionssysteme. Der politische Begriff „alternative Proteine“ umfasst somit auch Ansätze, die keine veganen Lebensmittel hervorbringen.


Für mich zeigen solche Programme dennoch eine Veränderung: Die Frage, wie Protein erzeugt und genutzt wird, bekommt einen eigenen Platz in der Wirtschafts-, Forschungs- und Ernährungspolitik.


Eine europäische Aufgabe

Auch auf europäischer Ebene wurde eine stärkere gemeinsame Ausrichtung gefordert. Im November 2024 verlangten Deutschland und Dänemark eine EU‑Proteinstrategie. Die Initiative des damaligen Bundeslandwirtschaftsministers Cem Özdemir wurde von 19 weiteren Mitgliedstaaten unterstützt.


Eine solche Forderung dokumentiert politische Aufmerksamkeit. Sie ist allerdings noch kein Nachweis dafür, dass entsprechende Maßnahmen umgesetzt wurden oder bereits eine bestimmte Wirkung erzielt haben.


Die bestehende Agrarförderung bleibt relevant

Neben neuen Initiativen muss auch betrachtet werden, welche Produktionsweisen durch die bisherige Agrarpolitik unterstützt werden. Kortleve und Kollegen veröffentlichten 2024 eine Analyse der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union. Unter Einbeziehung der Futtermittelproduktion ordneten sie 82 Prozent der untersuchten Agrarsubventionen tierischen Lebensmitteln zu: 38 Prozent unmittelbar und weitere 44 Prozent über Futtermittel (Kortleve et al., 2024).


Die Berechnung bezieht sich auf Daten für 2013. Sie darf deshalb nicht als unverändert aktuelle Verteilung der Fördermittel dargestellt werden. Außerdem handelt es sich um eine Zuordnung entlang der Produktionsketten, nicht um die Aussage, dass 82 Prozent sämtlicher Zahlungen direkt an Tierhaltungsbetriebe gingen.


Die Untersuchung macht dennoch einen wichtigen Zusammenhang sichtbar: Auch die Förderung des Pflanzenanbaus kann der Herstellung tierischer Lebensmittel zugutekommen, wenn die Pflanzen verfüttert werden.


Woran sich politischer Fortschritt messen lässt

Für mich reicht es deshalb nicht, allein die Zahl neuer Programme oder geförderter Projekte zu betrachten. Entscheidend ist, welche Veränderungen daraus entstehen.


Werden pflanzliche Lebensmittel besser verfügbar und erschwinglicher? Finden landwirtschaftliche Betriebe wirtschaftlich tragfähige Möglichkeiten, Lebensmittel für den direkten menschlichen Verzehr anzubauen? Sinken die Umweltbelastungen? Und werden tatsächlich weniger Tiere genutzt?


Diese Fragen betreffen unterschiedliche Ziele. Regionale Versorgung, Klimaschutz und Tierethik können zusammenwirken, müssen aber jeweils überprüft werden.


Politische Unterstützung kann die Bedingungen einer Ernährungsumstellung verbessern. Warum Menschen diese Möglichkeiten nutzen und welche Beweggründe sie langfristig tragen, ist damit noch nicht beantwortet. Dafür lohnt sich ein Blick auf die Forschung zu Motivation und Beständigkeit.


Motive und Beständigkeit: Was Menschen zur Veränderung bewegt

Warum beginnen Menschen, sich vegan zu ernähren? Und was hilft ihnen, diese Entscheidung langfristig beizubehalten?

Die beiden Fragen hängen zusammen, sind aber nicht identisch. Ein Beweggrund kann Interesse wecken, ohne bereits zu einer dauerhaften Veränderung zu führen. Außerdem können mehrere Motive gleichzeitig bestehen und sich im Laufe der Zeit verändern.


Tierethik, Gesundheit und Umwelt können zusammenwirken

Eine Untersuchung von Janssen und Kollegen bietet einen Einblick in die Beweggründe vegan lebender Menschen in Deutschland. Für die 2016 veröffentlichte Studie wurden 2014 insgesamt 329 Personen in sieben veganen Supermärkten befragt.

Tierbezogene Gründe nannten 89,7 Prozent der Befragten. Motive rund um persönliches Wohlbefinden oder Gesundheit erwähnten 69,3 Prozent, umweltbezogene Gründe 46,8 Prozent. Insgesamt nannten 81,8 Prozent mehr als einen Beweggrund (Janssen et al., 2016).


Die Prozentwerte beschreiben deshalb keine voneinander getrennten Gruppen. Dieselbe Person konnte Tiere schützen, ihre Gesundheit fördern und Umweltbelastungen verringern wollen.

Auch die Auswahl der Teilnehmenden ist wichtig: Menschen, die in veganen Supermärkten einkaufen, bilden keine repräsentative Stichprobe aller vegan lebenden Menschen in Deutschland. Die Untersuchung zeigt dennoch, warum eine einfache Einteilung in ethisch oder gesundheitlich motivierte Menschen zu kurz greifen kann.


Was Interesse an einer Veränderung weckt

Hopwood und Kollegen untersuchten 2020 gesundheitliche, umweltbezogene und tierrechtliche Motive für vegetarische Ernährung. Unter den nicht vegetarisch lebenden Befragten waren gesundheitliche Gründe besonders verbreitet, wenn es darum ging, eine Ernährungsumstellung in Betracht zu ziehen.

In einer weiteren Teiluntersuchung reagierten Menschen mit stärker ausgeprägten ethischen Motiven positiver auf Informationsmaterialien zur Ernährungsumstellung. Das galt teilweise auch für Materialien, die gesundheitliche Vorteile betonten (Hopwood et al., 2020).


Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Gesundheitsmotive grundsätzlich unwirksam wären. Untersucht wurden unter anderem Reaktionen auf Informationsmaterialien. Das ist etwas anderes als die über Jahre beobachtete Umsetzung einer veganen Lebensweise.


Trägt eine ethische Überzeugung länger?

Hinweise darauf liefert eine Untersuchung von Hoffman und Kollegen aus dem Jahr 2013. Befragte, die ursprünglich aus ethischen Gründen vegetarisch geworden waren, berichteten im Durchschnitt eine längere Dauer ihrer Ernährungsweise als jene, die gesundheitliche Gründe für den Einstieg nannten: rund zehn gegenüber knapp sechs Jahren (Hoffman et al., 2013).


Allerdings wurden bereits vegetarisch lebende Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt befragt. Die Studie begleitete keine neu beginnenden Gruppen über Jahre hinweg und erfasste somit nicht unmittelbar, wie häufig Menschen mit unterschiedlichen Motiven ihre Ernährungsweise wieder aufgaben.

Das Ergebnis ist ein Hinweis auf einen Zusammenhang. Es beweist weder, dass die ethische Motivation allein die längere Dauer verursachte, noch, dass sich der Befund unverändert auf vollständig vegane Ernährung übertragen lässt.


Eine Verlaufsstudie ergibt ein weniger eindeutiges Bild

Die Forschungsorganisation Faunalytics begleitete 222 Menschen aus den USA und Kanada, die eine vegetarische oder vegane Ernährungsumstellung begonnen hatten, über sechs Monate.

Als stärksten Beweggrund nannten 42 Prozent Gesundheit, 20 Prozent den Schutz von Tieren und 18 Prozent Umweltbelange. Anders als bei der deutschen Supermarktstudie ging es hier um das jeweils wichtigste Motiv.


Die allgemeinen Motivkategorien erwiesen sich in dieser Untersuchung nicht als statistisch signifikante Vorhersagefaktoren für den Erfolg der Umstellung (Anderson & Milyavskaya, 2021).

Auch dieser Befund hat Grenzen: Die Stichprobe war relativ klein, die Beobachtungsdauer kurz, und vegetarische sowie vegane Ernährungsweisen wurden gemeinsam untersucht. Ein nicht nachgewiesener Unterschied bedeutet außerdem nicht, dass alle Motive sicher gleich wirksam sind. Der Bericht wurde von Faunalytics veröffentlicht; er ist keine begutachtete Fachzeitschriftenpublikation.


Was sich daraus ableiten lässt

Für mich ergibt sich daraus ein differenziertes Bild. Tierethische Überzeugungen können eine starke Grundlage für eine dauerhafte Veränderung sein. Die Behauptung, ausschließlich ethisch motivierte Menschen blieben langfristig vegan, geht jedoch über die vorgestellten Befunde hinaus.


Ebenso wenig lässt sich aus diesen unterschiedlich angelegten Untersuchungen zuverlässig bestimmen, wie stark sich die Motive der gesamten Bewegung über Jahrzehnte verschoben haben. Dafür bräuchte es vergleichbare Erhebungen aus verschiedenen Zeiträumen.


Gesundheit, Umwelt und Tierethik können unterschiedliche Zugänge eröffnen und einander ergänzen. Welche Überzeugungen Menschen entwickeln und wie sie diese umsetzen, lässt sich nicht auf einen einzigen Beweggrund reduzieren.

Nach über acht Jahrzehnten bleibt damit neben allen Veränderungen eine grundlegende Verbindung bestehen: Eine Idee braucht Menschen, die sich von ihr angesprochen fühlen, und Bedingungen, unter denen sie danach leben können.


Über 80 Jahre Veganismus: Was sich verändert hat – und was bleibt

Als die Vegan Society 1944 gegründet wurde, hatte die junge Gemeinschaft viele praktische Aufgaben vor sich. Sie musste Erfahrungen sammeln, geeignete Produkte finden und ihre Vorstellungen genauer formulieren. Auch entscheidendes Ernährungswissen entwickelte sich erst im Laufe der folgenden Jahre.


Heute bestehen vielerorts deutlich bessere Möglichkeiten. Pflanzliche Alternativen gehören zum Angebot großer Handelsketten. Restaurants entwickeln eigene vegane Menüs. Forschung untersucht gesundheitliche und ökologische Zusammenhänge, und politische Programme beschäftigen sich mit pflanzlichen Proteinen.

Für mich ist das eine erhebliche Veränderung. Eine Überzeugung, deren Umsetzung früher viel Suche, Eigeninitiative und Durchhaltevermögen verlangen konnte, lässt sich heute unter vielen Bedingungen leichter in den Alltag integrieren.


Fortschritt bleibt widersprüchlich

Diese Entwicklung verlief allerdings nicht geradlinig. Ein größeres Produktangebot bedeutet noch keine selbstverständliche gesellschaftliche Akzeptanz. Gastronomische Konzepte können verändert werden. Politische Förderung kann pflanzlichen Lebensmitteln zugutekommen und gleichzeitig die Futtermittelversorgung der Tierhaltung stärken.


Auch wissenschaftliche Erkenntnisse erlauben keine pauschalen Versprechen. Gesundheitliche Vorteile hängen von der konkreten Ernährung ab. Eine zuverlässige Nährstoffversorgung bleibt notwendig. Umweltwirkungen müssen anhand der untersuchten Bedingungen beurteilt werden.


Für mich verliert die Geschichte durch diese Einschränkungen nichts von ihrer Bedeutung. Sie wird genauer. Wer Veränderungen verstehen möchte, muss Erfolge ebenso betrachten wie Wissenslücken, Rückschritte und ungelöste Fragen.


Was die frühen Erfahrungen lehren

Die Erzählung meines Bekannten hat mir besonders deutlich gemacht, wie viel persönlicher Widerstand hinter einer Ernährungsentscheidung stehen konnte. Historische Quellen zeigen daneben, welche gemeinsame Arbeit nötig war, um Informationen, Produkte und Unterstützung zugänglich zu machen.

Beides gehört für mich zusammen: Menschen brauchen die Bereitschaft, ihre Überzeugung zu vertreten, und Möglichkeiten, sie verantwortungsvoll umzusetzen.


Die Geschichte des Vitamin B12 verdeutlicht dabei, warum wissenschaftliches Lernen unverzichtbar ist. Neue Erkenntnisse können die praktische Umsetzung verändern. Eine ethische Überzeugung wird dadurch nicht entwertet; sie erhält eine verlässlichere Grundlage für den Alltag.


Der ethische Ausgangspunkt bleibt

Gesundheit und Umwelt haben die Diskussion erweitert. Sie eröffnen zusätzliche Gründe, tierische Lebensmittel zu reduzieren oder vollständig auf sie zu verzichten.

Die grundlegende Frage des Veganismus bleibt daneben bestehen: Was dürfen wir anderen Tieren für unsere Ernährung, Kleidung und weitere Zwecke zumuten?


Für mich liegt hier die Verbindung zwischen den Anfängen und der Gegenwart. Die verfügbaren Produkte, das Ernährungswissen und die gesellschaftlichen Bedingungen haben sich verändert. Die Aufforderung, vermeidbare Ausbeutung und Grausamkeit zu hinterfragen, bleibt.


Der Zusatz „soweit möglich und praktisch durchführbar“ berücksichtigt dabei die Lebenswirklichkeit. Handlungsmöglichkeiten unterscheiden sich und können wachsen. Neue Alternativen schaffen neue Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen.


Wie viele Menschen heute vegan leben

Eine verlässliche weltweite Gesamtzahl wäre ein anschaulicher Abschluss dieser Geschichte. Die verfügbaren Daten tragen eine solche Zahl jedoch bislang nicht.


Eine 2026 veröffentlichte Auswertung von Faunalytics dokumentiert erhebliche geografische Lücken sowie Unterschiede zwischen Erhebungsmethoden und Definitionen. Außerdem ist die Selbstauskunft, vegan zu leben, nicht mit einer Untersuchung des tatsächlichen Lebensmittelverzehrs gleichzusetzen (Hankins et al., 2026).



Für mich gehört auch diese Grenze zur ehrlichen Darstellung: Wie viele Menschen sich heute weltweit vegan ernähren, lässt sich bislang nicht verlässlich beziffern. Die Geschichte dieser Bewegung zeigt jedoch, wie aus einer kleinen organisierten Gruppe eine international sichtbare Idee geworden ist.

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🎓 Didaktischer Einsatz im Unterricht (Sekundarstufe II)

Dieser Fachartikel eignet sich für den fächerübergreifenden Unterricht in der Gymnasialen Oberstufe (Sek. II) sowie für vertiefende Facharbeiten.

Relevante Fächer: Geschichte, Ethik/Philosophie, Politik/Gemeinschaftskunde, Sozialwissenschaften und Ernährungswissenschaft

Mögliche Lehrplan- und Kompetenzbezüge:

  • Geschichte: Entstehung und Entwicklung sozialer Bewegungen, Wandel gesellschaftlicher Normen und Lebensweisen, historische Kontextualisierung sowie kritische Auswertung zeitgenössischer und rückblickender Quellen
  • Ethik/Philosophie: Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses, unterschiedliche Begründungen moralischer Verantwortung, Auseinandersetzung mit den Begriffen Ausbeutung, Grausamkeit und Gewaltvermeidung sowie dem Grundsatz „soweit möglich und praktisch durchführbar“
  • Politik/Gemeinschaftskunde und Sozialwissenschaften: Institutionalisierung gesellschaftlicher Anliegen, Einfluss von Organisationen, wirtschaftlichen Angeboten und politischen Rahmenbedingungen sowie Wechselwirkungen zwischen individuellen Überzeugungen und gesellschaftlichem Wandel
  • Ernährungswissenschaft: Entwicklung ernährungswissenschaftlicher Erkenntnisse am Beispiel von Vitamin B12, Voraussetzungen einer bedarfsdeckenden veganen Ernährung sowie kritische Einordnung gesundheitlicher Aussagen und unterschiedlicher Studiendesigns
  • Quellenkritik und wissenschaftliche Methodenkompetenz: Unterscheidung zwischen zeitgenössischen Primärquellen, späteren historischen Darstellungen, persönlichen Erinnerungen, wissenschaftlichen Studien und institutionellen Positionspapieren sowie Bewertung ihrer jeweiligen Aussagekraft und Grenzen

Mögliche Impuls- und Arbeitsaufträge für Schülerinnen und Schüler:

  1. Historische Analyse: Arbeiten Sie zentrale Stationen in der Entwicklung des organisierten Veganismus seit 1944 heraus. Untersuchen Sie, welche ethischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen die Bewegung geprägt haben und welche Grundgedanken über den betrachteten Zeitraum hinweg erkennbar bleiben.
  2. Quellenkritische Untersuchung: Vergleichen Sie die im Artikel verwendeten Quellengattungen, beispielsweise zeitgenössische Veröffentlichungen der frühen veganen Bewegung, rückblickende Darstellungen von Organisationen, persönliche Erinnerungen, wissenschaftliche Studien und Positionspapiere. Beurteilen Sie, für welche Fragestellungen die jeweiligen Quellen geeignet sind und welche Einschränkungen bei ihrer Interpretation berücksichtigt werden müssen.
  3. Urteilsbildung und Diskussion: Erörtern Sie die These, Veganismus habe sich von einer kleinen ethisch begründeten Bewegung zu einem breiteren gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Handlungsfeld entwickelt, ohne seinen ursprünglichen ethischen Kern zu verlieren. Berücksichtigen Sie dabei unterschiedliche begründbare Perspektiven und unterscheiden Sie zwischen historischem Befund, wissenschaftlicher Erkenntnis und moralischem Werturteil.