Pflanzenbasierte Ernährung als Klimahebel: Emissionen senken, Flächen gewinnen

Autor: Thomas Wiedemann
Veröffentlicht am 17. Juni 2026 · zuletzt aktualisiert am 20. September 2026

Die Klimawirkung unserer Ernährung beschränkt sich nicht auf die Emissionen, die bei der Erzeugung einzelner Lebensmittel entstehen. Ernährungsmuster bestimmen zugleich, wie viel landwirtschaftliche Fläche benötigt wird – und damit auch, wie viel Raum für Wälder, Grasland und andere natürliche Kohlenstoffspeicher verbleibt.


Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung kann deshalb auf zwei Wegen zum Klimaschutz beitragen: Sie kann die laufenden Emissionen des Ernährungssystems verringern und Flächen freisetzen, auf denen sich natürliche Ökosysteme erholen könnten. Anders als viele technische Großprojekte setzt eine Ernährungsumstellung nicht zwingend den vorherigen Aufbau vollständig neuer Energie- oder Verkehrsinfrastrukturen voraus. Ihre Wirkung kann beginnen, sobald sich Nachfrage und Produktion verändern. Eine globale Transformation benötigt dennoch politische Rahmenbedingungen, angepasste Lieferketten und eine sozial verträgliche Umstellung der Landwirtschaft.


Wie groß sind Emissionen und Flächenbedarf unserer Ernährung?

Poore und Nemecek werteten Daten von rund 38.700 landwirtschaftlichen Betrieben in 119 Ländern sowie von etwa 1.600 Verarbeitungsbetrieben, Verpackungsarten und Einzelhändlern aus. Nach ihren Berechnungen verursachte die globale Lebensmittelversorgung im Referenzsystem rund 26 Prozent der menschengemachten Treibhausgasemissionen.

Für ein modelliertes Ernährungsszenario ohne tierische Produkte errechneten sie eine Verringerung der lebensmittelbedingten Treibhausgasemissionen um rund 49 Prozent. Der globale landwirtschaftliche Flächenbedarf würde in diesem Szenario um etwa 76 Prozent oder rund 3,1 Milliarden Hektar sinken.


Diese Werte sind keine Vorhersage darüber, was bei einer tatsächlichen weltweiten Ernährungsumstellung automatisch eintreten würde. Es handelt sich um ein globales Modellszenario auf Grundlage damaliger Produktionsdaten. Dennoch verdeutlicht es die Größenordnung des ökologischen Potenzials.


Warum beanspruchen tierische Lebensmittel so viel Fläche?

Tierische Lebensmittel nutzten in der Auswertung von Poore und Nemecek ungefähr 83 Prozent der weltweit für die Lebensmittelproduktion beanspruchten landwirtschaftlichen Fläche. Gleichzeitig lieferten sie lediglich rund 18 Prozent der Kalorien und 37 Prozent des Proteins. Umgekehrt stammten etwa 82 Prozent der Kalorien und 63 Prozent des Proteins aus pflanzlichen Lebensmitteln.


Ein wesentlicher Grund dafür liegt im zusätzlichen Schritt über das Tier. Ein Teil der im Futter enthaltenen Energie wird für Stoffwechsel, Wärmeproduktion, Bewegung und den Aufbau nicht essbarer Körperbestandteile benötigt. Die Energie verschwindet dabei nicht, steht anschließend aber nicht mehr für die menschliche Ernährung zur Verfügung. Alexander und Kollegen kamen in ihrer systemischen Analyse des globalen Ernährungssystems entsprechend zu dem Ergebnis, dass die höchsten relativen Verluste entlang der Nahrungskette mit der Tierproduktion verbunden waren.


Dabei besteht nicht das gesamte Tierfutter aus Lebensmitteln, die Menschen unmittelbar essen könnten, und nicht jede Weidefläche eignet sich für den Ackerbau. Das ändert jedoch nichts an der erheblichen Flächenbeanspruchung durch Weiden und Futtermittelproduktion. Wie groß die Verluste ausfallen, hängt zudem stark von Tierart, Haltungssystem und eingesetztem Futter ab.


Warum frei werdende Flächen ein zweiter Klimahebel sind

Die Klimawirkung einer pflanzenbasierten Ernährung endet nicht bei den vermiedenen Emissionen. Auf landwirtschaftlichen Flächen, die nicht mehr für Weiden oder den Futtermittelanbau benötigt werden, könnten Wälder, natürliche Graslandschaften und andere standorttypische Ökosysteme wiederhergestellt werden. Diese Vegetation und die zugehörigen Böden können der Atmosphäre über längere Zeit Kohlenstoff entziehen.


Hayek und Kollegen bezeichnen das nicht ausgeschöpfte Speicherpotenzial landwirtschaftlich genutzter Flächen als Kohlenstoffopportunitätskosten. Für Szenarien, in denen die globale Lebensmittelproduktion bis 2050 in Richtung pflanzlicher Ernährungsmuster verlagert und die frei werdenden Flächen ökologisch wiederhergestellt werden, errechneten sie ein mögliches Bindungspotenzial von etwa 332 bis 547 Gigatonnen CO₂.


Dieses Potenzial entsteht allerdings nicht automatisch. Wenn ehemalige Weide- oder Futterflächen anderweitig intensiv genutzt, bebaut oder ökologisch degradiert werden, bleibt die zusätzliche Kohlenstoffbindung aus. Ernährungswandel und Renaturierung müssen deshalb zusammengedacht werden.


Reicht Klimaschutz ohne eine Veränderung des Ernährungssystems?

Clark und Kollegen untersuchten, wie sich die Emissionen des globalen Ernährungssystems auf die internationalen Klimaziele auswirken. Ihren Modellierungen zufolge würden die unter den damaligen Trends erwarteten Emissionen aus der Lebensmittelproduktion allein ausreichen, um das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels zu verhindern – selbst wenn die fossilen Emissionen sofort vollständig beendet würden.


Daraus folgt nicht, dass eine weltweit vollständig vegane Ernährung der einzig denkbare Weg zur Einhaltung der Klimaziele wäre. Die Forschenden untersuchten mehrere Ansatzpunkte: stärker pflanzenbasierte Ernährungsmuster, eine Begrenzung übermäßiger Kalorienzufuhr, höhere landwirtschaftliche Erträge, weniger Lebensmittelverluste und eine emissionsärmere Produktion.


Die zentrale Aussage bleibt dennoch eindeutig: Ohne tiefgreifende Veränderungen des Ernährungssystems werden die internationalen Klimaziele kaum erreichbar sein. Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung gehört dabei zu den besonders wirkungsvollen Hebeln, weil sie Emissionen und Flächenbedarf gleichzeitig verringern kann.


Fazit

Pflanzenbasierte Ernährung ist weder die einzige Klimaschutzmaßnahme noch ein Ersatz für den schnellen Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Sie kann jedoch einen wichtigen Beitrag leisten, der über die unmittelbare Emissionsminderung hinausgeht. Weniger tierische Produktion benötigt in den untersuchten globalen Szenarien deutlich weniger Fläche und schafft damit Möglichkeiten für Renaturierung und langfristige Kohlenstoffbindung.


Was wir essen, beeinflusst deshalb nicht nur, wie viele Treibhausgase entstehen. Es entscheidet auch mit darüber, wie viel Raum der Natur bleibt, bereits ausgestoßenes Kohlendioxid wieder aufzunehmen.


Quellen

Alexander, P., Brown, C., Arneth, A., Finnigan, J., Moran, D., & Rounsevell, M. D. A. (2017). Losses, inefficiencies and waste in the global food system. Agricultural Systems, 153, 190–200. https://doi.org/10.1016/j.agsy.2017.01.014


Clark, M. A., Domingo, N. G. G., Colgan, K., Thakrar, S. K., Tilman, D., Lynch, J., Azevedo, I. L., & Hill, J. D. (2020). Global food system emissions could preclude achieving the 1.5° and 2°C climate change targets. Science, 370(6517), 705–708. https://doi.org/10.1126/science.aba7357


Hayek, M. N., Harwatt, H., Ripple, W. J., & Mueller, N. D. (2021). The carbon opportunity cost of animal-sourced food production on land. Nature Sustainability, 4(1), 21–24. https://doi.org/10.1038/s41893-020-00603-4



Poore, J., & Nemecek, T. (2018). Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers. Science, 360(6392), 987–992. https://doi.org/10.1126/science.aaq0216