Im September 2020 gingen die Schlagzeilen um die Welt:
„Miley Cyrus gibt Veganismus auf – ihr Gehirn funktionierte nicht mehr richtig.“
Für viele Menschen schien die Botschaft eindeutig: Selbst eine weltberühmte Sängerin wurde durch vegane Ernährung krank.
Doch ist die Geschichte wirklich so einfach?
Der Fall Miley Cyrus zeigt vor allem eines: Persönliche Erfahrungen, mediale Zuspitzung und wissenschaftliche Evidenz sind drei sehr unterschiedliche Dinge.
Der Fall Miley Cyrus
Miley Cyrus stellte ihre Ernährung etwa 2013 beziehungsweise 2014 vollständig auf pflanzlich um. In den folgenden Jahren setzte sie sich öffentlich für Tierrechte ein und sprach immer wieder über die Vorteile einer veganen Lebensweise.
2020 erklärte sie dann im Podcast The Joe Rogan Experience, sie habe bereits im Vorjahr wieder begonnen, Fisch zu essen. Als Grund nannte sie gesundheitliche Probleme. Sie habe unter „Brain Fog“, also einem Gefühl geistiger Benommenheit, gelitten und sich „mangelernährt“ gefühlt. Nach dem Verzehr von Fisch habe sie sich nach eigenen Angaben wieder geistig klarer und leistungsfähiger gefühlt.
Die Medien griffen diese Aussagen dankbar auf. Aus einer persönlichen Erfahrung wurde innerhalb weniger Tage eine globale Debatte über die Sicherheit veganer Ernährung.
Was wissen wir tatsächlich?
Erstaunlich wenig.
Bis heute wurden keine Blutwerte, keine Nährstoffprofile und keine medizinischen Befunde veröffentlicht, die die Ursache ihrer Beschwerden erklären könnten.
Wir wissen nicht,
- ob tatsächlich ein Nährstoffmangel vorlag,
- welche Supplemente verwendet wurden,
- wie ihre Ernährung konkret aussah,
- wie hoch ihre körperliche und psychische Belastung war,
- ob andere gesundheitliche Faktoren eine Rolle spielten.
Die öffentliche Begründung blieb rein symptomatisch:
„Ich fühlte mich schlecht und mir ging es besser, nachdem ich wieder Fisch gegessen hatte.“
Solche persönlichen Erfahrungen sind real und sollten nicht abgewertet werden. Wissenschaftlich erlauben sie jedoch keine Aussage darüber, ob eine Ernährungsweise grundsätzlich geeignet oder ungeeignet ist.
Könnte ein Omega-3-Mangel eine Rolle gespielt haben?
Ja. Das ist durchaus plausibel.
Miley Cyrus erklärte im Podcast, sie habe Avocados als wichtige Quelle gesunder Fette genutzt. Ernährungsfachleute kritisierten diese Aussage, da Avocados praktisch kein relevantes Omega-3 enthalten.
Für den menschlichen Organismus sind insbesondere die langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA von Bedeutung. Der Körper kann sie aus der pflanzlichen Alpha-Linolensäure (ALA) selbst herstellen, die Umwandlung ist jedoch begrenzt und unterscheidet sich von Mensch zu Mensch erheblich.
Einige Menschen besitzen genetische Varianten, die die Umwandlung zusätzlich verschlechtern können. Ohne eine gezielte Zufuhr von EPA und DHA, beispielsweise über Mikroalgenöl, könnte daher theoretisch ein Defizit entstehen.
Ein möglicher Omega-3-Mangel wäre im Fall Miley Cyrus also keineswegs ausgeschlossen.
Doch daraus folgt nicht, dass vegane Ernährung grundsätzlich problematisch ist.
Es würde vielmehr bedeuten, dass eine bestimmte Nährstoffversorgung möglicherweise unzureichend geplant war.
Wurde sie durch Fisch sofort wieder „klar im Kopf“?
Wahrscheinlich nicht.
Mehrere Fachleute äußerten Zweifel an der Vorstellung, dass sich der Omega-3-Status bereits nach wenigen Fischmahlzeiten deutlich verändern könne.
Tatsächlich dauert es Wochen bis Monate, bis sich DHA in Zellmembranen und Geweben messbar verändert.
Das bedeutet nicht, dass Miley Cyrus ihre Verbesserung nur eingebildet hat. Menschen können subjektiv durchaus eine unmittelbare Veränderung ihres Wohlbefindens erleben.
Die Ursache könnte jedoch ebenso ein Placebo- oder Erwartungseffekt gewesen sein oder mit anderen Faktoren zusammengehangen haben.
Die geschilderte Erfahrung ist deshalb keine geeignete Grundlage, um die Wirkung von Fisch oder die Eignung veganer Ernährung allgemein zu beurteilen.
Die eigentliche Geschichte: Wie Medien mit Einzelfällen umgehen
Hier wird der Fall besonders interessant.
Wenn ein Prominenter sagt:
„Ich habe mich unter veganer Ernährung schlecht gefühlt.“
entstehen oft Schlagzeilen wie:
„Vegane Ernährung machte mich krank.“
Der Unterschied zwischen beiden Aussagen ist enorm.
Die erste beschreibt eine individuelle Erfahrung.
Die zweite ist eine allgemeine Behauptung über eine gesamte Ernährungsweise.
Genau an dieser Stelle gehen mediale Vereinfachung und wissenschaftliche Realität häufig auseinander.
Dabei werden wichtige Fragen selten gestellt:
- War die Ernährung ausgewogen?
- Wurden kritische Nährstoffe berücksichtigt?
- Gab es medizinische Untersuchungen?
- Welche anderen Belastungsfaktoren lagen vor?
Komplexe individuelle Geschichten werden häufig auf eine einfache Erklärung reduziert.
Was können wir daraus lernen?
Der Fall Miley Cyrus beweist nicht, dass vegane Ernährung krank macht.
Er beweist aber auch nicht, dass jede vegane Ernährung automatisch gesund ist.
Er zeigt vielmehr drei Dinge:
Erstens: Eine pflanzliche Ernährung erfordert – wie jede andere Ernährungsweise – Wissen und Planung.
Zweitens: Individuelle Erfahrungen sind wichtig, ersetzen aber keine wissenschaftliche Evidenz.
Drittens: Prominente Einzelfälle und mediale Schlagzeilen sagen oft mehr über unsere Kommunikationskultur aus als über die tatsächliche Qualität einer Ernährungsweise.
Vielleicht liegt die wichtigste Erkenntnis sogar an einer ganz anderen Stelle:
Nicht die vegane Ernährung ist im Fall Miley Cyrus gescheitert.
Möglicherweise ist vielmehr die Vorstellung gescheitert, dass jede Ernährungsweise – ob vegan oder omnivor – ohne Wissen, Planung und eine ausreichende Nährstoffversorgung automatisch gesund sein kann.
Literatur
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Sanghvi, R. (2020). Is Miley Cyrus no longer vegan?