Pflanzenbasierte Ernährung und Krebsrisiko

Pflanzenbasierte Ernährung und Krebsrisiko: Was die bislang umfassendste Meta-Analyse von 2026 zeigt

Eine evidenzbasierte Einordnung aktueller Forschungsergebnisse


Krebs – eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit

Krebserkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten Ursachen für Krankheit und Tod. Nach Angaben der World Health Organization (WHO) wurden im Jahr 2022 rund 20 Millionen neue Krebsfälle diagnostiziert; etwa 9,7 Millionen Menschen starben an den Folgen einer malignen Erkrankung. Mit der alternden Weltbevölkerung rechnen Fachgesellschaften in den kommenden Jahrzehnten mit einem weiteren deutlichen Anstieg der Erkrankungszahlen.

Gleichzeitig gilt Krebs heute nicht mehr ausschließlich als schicksalhafte Erkrankung. Ein erheblicher Anteil der Krebsfälle wird mit beeinflussbaren Lebensstilfaktoren in Verbindung gebracht. Tabakkonsum stellt zwar weiterhin den bedeutendsten vermeidbaren Risikofaktor dar, doch auch Ernährung, Körpergewicht, Alkoholkonsum und körperliche Aktivität beeinflussen das Erkrankungsrisiko nachweislich.


Der World Cancer Research Fund (WCRF) schätzt, dass je nach Krebsart 30 bis 50 Prozent aller Krebserkrankungen durch Präventionsmaßnahmen vermeidbar wären. Entsprechend groß ist das wissenschaftliche Interesse an Ernährungsformen, die das Krebsrisiko möglicherweise günstig beeinflussen.

Dabei rückt insbesondere die pflanzenbasierte Ernährung zunehmend in den Fokus. Zahlreiche epidemiologische Studien der vergangenen Jahrzehnte berichteten über ein geringeres Auftreten bestimmter Krebsarten bei Menschen, die überwiegend oder ausschließlich pflanzliche Lebensmittel konsumieren. Allerdings unterschieden sich diese Untersuchungen häufig hinsichtlich Studiendesign, Teilnehmerzahl, Beobachtungsdauer und Definition der Ernährungsformen. Einzelne Studien lieferten deshalb teilweise unterschiedliche oder statistisch unsichere Ergebnisse.

Vor diesem Hintergrund gewinnen systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen zunehmend an Bedeutung. Sie ermöglichen es, die Ergebnisse vieler unabhängiger Studien zusammenzuführen und dadurch ein wesentlich robusteres Gesamtbild zu erhalten.


Genau dies war das Ziel einer im Jahr 2026 im European Journal of Epidemiology veröffentlichten Meta-Analyse von Aune, Schlesinger und Sobiecki, die derzeit die umfassendste prospektive Auswertung zum Zusammenhang zwischen vegetarischer beziehungsweise auch veganer Ernährung und dem Krebsrisiko darstellt.


Warum Ernährungsforschung besonders anspruchsvoll ist

Die Erforschung ernährungsbedingter Erkrankungen unterscheidet sich grundlegend von der Prüfung neuer Medikamente.

Während Arzneimittel häufig innerhalb weniger Monate oder Jahre in randomisierten kontrollierten Studien untersucht werden können, entwickelt sich Krebs meist über einen Zeitraum von Jahrzehnten. Um den Einfluss einer bestimmten Ernährungsweise experimentell nachzuweisen, müssten tausende Menschen über viele Jahre hinweg zufällig unterschiedlichen Ernährungsformen zugeteilt werden – verbunden mit einer dauerhaft hohen Therapietreue. Ein solches Studiendesign wäre organisatorisch, finanziell und ethisch kaum realisierbar.

Deshalb basiert die Krebspräventionsforschung überwiegend auf sogenannten prospektiven Kohortenstudien.

Dabei erfassen Wissenschaftler zunächst die Ernährungsgewohnheiten großer Gruppen gesunder Menschen und begleiten diese anschließend oft über zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahre. Während dieser Zeit wird dokumentiert, welche Erkrankungen auftreten. Anschließend lässt sich statistisch untersuchen, ob bestimmte Ernährungsweisen mit einem höheren oder niedrigeren Erkrankungsrisiko verbunden sind.

Dieses Vorgehen kann zwar keine Kausalität beweisen, besitzt jedoch erhebliche Vorteile gegenüber rückblickenden Fall-Kontroll-Studien. Da die Ernährungsdaten bereits vor dem Auftreten der Erkrankung erhoben werden, sinkt das Risiko systematischer Erinnerungsverzerrungen erheblich. Aus diesem Grund gelten große prospektive Kohortenstudien als die wichtigste Grundlage der modernen Ernährungs-Epidemiologie.

Wissenschaft kurz erklärt: Prospektive Kohortenstudien


In einer prospektiven Kohortenstudie werden zunächst gesunde Personen hinsichtlich ihrer Ernährung und weiterer Lebensstilfaktoren erfasst. Anschließend werden sie über viele Jahre beobachtet. Erst danach wird ausgewertet, welche Erkrankungen aufgetreten sind. Dieses Studiendesign ermöglicht belastbarere Aussagen als rückblickende Befragungen, ersetzt jedoch keine randomisierte Interventionsstudie.

Warum Meta-Analysen eine besonders hohe Evidenz liefern

Keine einzelne Studie ist perfekt. Unterschiede in der Zusammensetzung der Teilnehmer, den verwendeten Ernährungsfragebögen oder der statistischen Auswertung können zu voneinander abweichenden Ergebnissen führen. Einzelstudien besitzen zudem häufig eine begrenzte statistische Aussagekraft.

Eine systematische Übersichtsarbeit verfolgt deshalb das Ziel, sämtliche relevante wissenschaftliche Literatur nach zuvor festgelegten Kriterien zu identifizieren, kritisch zu bewerten und zusammenzufassen. Wird zusätzlich eine gemeinsame statistische Auswertung durchgeführt, spricht man von einer Meta-Analyse.

Durch dieses Verfahren entstehen mehrere Vorteile:


  • Die Zahl der ausgewerteten Studienteilnehmer steigt erheblich.
  • Zufällige Schwankungen einzelner Studien verlieren an Bedeutung.
  • Die Präzision der Risikoschätzungen nimmt zu.
  • Unterschiede zwischen einzelnen Studien können systematisch untersucht werden.
  • Die Aussagekraft der Gesamtevidenz verbessert sich.

Meta-Analysen stehen deshalb in der evidenzbasierten Medizin – sofern sie methodisch hochwertig durchgeführt wurden – an der Spitze der wissenschaftlichen Evidenzhierarchie.

Allerdings gilt auch hier: Die Qualität einer Meta-Analyse kann niemals höher sein als die Qualität der zugrunde liegenden Einzelstudien. Eine sorgfältige Bewertung der eingeschlossenen Studien bleibt daher unverzichtbar.


Die neue Meta-Analyse im Überblick

Die Arbeitsgruppe um Dagfinn Aune verfolgte das Ziel, die bisher verfügbare Evidenz zum Zusammenhang zwischen vegetarischen beziehungsweise veganen Ernährungsweisen und der Krebsinzidenz systematisch zusammenzufassen.

Hierzu wurden mehrere internationale wissenschaftliche Datenbanken nach prospektiven Kohortenstudien durchsucht. Berücksichtigt wurden ausschließlich Untersuchungen mit klar definierten Ernährungsformen sowie ausreichend langer Nachbeobachtungszeit.

In die endgültige Analyse gingen ein:

  • 17 wissenschaftliche Publikationen
  • 7 große prospektive Kohortenstudien
  • mehrere hunderttausend Studienteilnehmer
  • zahlreiche unterschiedliche Krebsarten
  • ausschließlich prospektive Beobachtungsstudien

Die Qualität der Evidenz wurde nach den etablierten Kriterien des World Cancer Research Fund (WCRF) bewertet. Darüber hinaus führten die Autoren verschiedene Sensitivitätsanalysen durch, um die Stabilität ihrer Ergebnisse zu überprüfen.

Bereits diese methodische Herangehensweise verdeutlicht den hohen wissenschaftlichen Anspruch der Arbeit. Statt einzelne spektakuläre Ergebnisse hervorzuheben, wurde die gesamte verfügbare Evidenz systematisch ausgewertet und hinsichtlich ihrer Belastbarkeit eingeordnet.


Merke

Diese Meta-Analyse beantwortet nicht die Frage, ob eine pflanzenbasierte Ernährung Krebs verhindert.

Sie untersucht vielmehr, ob Menschen mit vegetarischer oder veganer Ernährung in prospektiven Langzeitstudien häufiger oder seltener an bestimmten Krebsarten erkrankten als Menschen mit einer omnivoren Ernährungsweise. Dies ist ein wichtiger, aber entscheidender Unterschied.


Die Ergebnisse – Was hat die Studie tatsächlich herausgefunden?

Nachdem wir bisher die wissenschaftliche Methodik betrachtet haben, stellt sich nun die entscheidende Frage:

Welche Ergebnisse liefert die Meta-Analyse tatsächlich?

Die Antwort fällt differenzierter aus, als manche Schlagzeilen vermuten lassen. Die Autoren fanden für mehrere Krebsarten statistisch signifikante Zusammenhänge mit vegetarischen Ernährungsweisen. Gleichzeitig betonen sie ausdrücklich, dass sich diese Ergebnisse nicht ohne Weiteres als Ursache-Wirkungs-Beziehung interpretieren lassen.

Gerade diese wissenschaftliche Zurückhaltung macht die Studie besonders glaubwürdig.


Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick

Im Vergleich zu Personen mit einer omnivoren Ernährung war eine vegetarische Ernährungsweise mit einem geringeren Risiko für mehrere Krebsarten assoziiert.

Krebsart Veränderung des Risikos*
Gesamtkrebs -13
Magenkrebs -45
Darmkrebs -14
Dickdarmkrebs -21
Proximaler Dickdarm -45
Bauchspeicheldrüsenkrebs -23
Brustkrebs -08
Brustkrebs nach der Menopause -19
Blasenkrebs -21
Non-Hodgkin-Lymphom -24
Malignes Melanom -21
*Die Werte geben relative Unterschiede zwischen den untersuchten Gruppen wieder.

Bereits diese Übersicht zeigt: Die beobachteten Zusammenhänge beschränkten sich nicht auf eine einzelne Krebsart, sondern traten bei mehreren Tumorarten auf.

Allerdings waren die Effekte unterschiedlich stark ausgeprägt. Während für Magenkrebs oder Tumoren des proximalen Dickdarms deutliche Risikoreduktionen beobachtet wurden, fielen sie beispielsweise beim Brustkrebs wesentlich geringer aus.

Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass Ernährung wahrscheinlich nicht alle Krebsarten gleichermaßen beeinflusst.


Wissenschaft kurz erklärt: Was bedeutet „13 % geringeres Risiko“?

Eine der häufigsten Fehlinterpretationen wissenschaftlicher Studien betrifft sogenannte relative Risiken.

Liest man in einer Schlagzeile:

„Vegetarier haben 13 % weniger Krebs.“

entsteht leicht der Eindruck, dass von 100 Menschen plötzlich 13 Menschen weniger an Krebs erkranken.

So ist das jedoch nicht gemeint.

Nehmen wir ein vereinfachtes Beispiel:

Von 1.000 Menschen mit einer bestimmten Ernährungsweise erkranken innerhalb eines festgelegten Zeitraums 100 an Krebs.

In einer vergleichbaren Gruppe mit vegetarischer Ernährung wären es statistisch etwa 87 Personen.

Das entspricht einer relativen Risikoreduktion von 13 %, aber einer absoluten Risikoreduktion von 1,3 Prozentpunkten.

Beide Angaben sind korrekt – sie beschreiben lediglich unterschiedliche Blickwinkel auf dieselben Daten.

Deshalb berichten wissenschaftliche Studien in der Regel sowohl relative Risiken als auch Konfidenzintervalle und statistische Unsicherheiten.


Nicht jede Krebsart reagiert gleich

Ein interessantes Ergebnis der Meta-Analyse besteht darin, dass die Stärke der beobachteten Zusammenhänge zwischen den einzelnen Krebsarten deutlich variierte.

Besonders ausgeprägt waren die Assoziationen unter anderem bei:

  • Magenkrebs,
  • Bauchspeicheldrüsenkrebs,
  • Blasenkrebs,
  • Non-Hodgkin-Lymphomen.

Andere Krebsarten zeigten dagegen nur geringe oder statistisch nicht eindeutige Unterschiede.

Das überrascht nicht.

Krebs ist keine einzelne Erkrankung, sondern umfasst mehr als 200 verschiedene Tumorarten, die sich hinsichtlich ihrer Entstehung erheblich unterscheiden. Während einige Tumoren besonders stark durch Ernährung beeinflusst werden, spielen bei anderen genetische Faktoren, Infektionen oder Umweltbelastungen eine größere Rolle.

Die Ergebnisse sprechen deshalb eher dafür, dass eine pflanzenbetonte Ernährung bestimmte biologische Prozesse beeinflusst, die bei einigen Krebsarten eine größere Rolle spielen als bei anderen.


Was bedeutet „statistisch signifikant“?

In wissenschaftlichen Veröffentlichungen findet sich häufig der Begriff statistisch signifikant.

Damit ist nicht gemeint, dass ein Ergebnis besonders wichtig oder besonders groß ist.

Vielmehr beschreibt dieser Begriff die Wahrscheinlichkeit, dass ein beobachteter Unterschied allein zufällig entstanden ist.

Erreichen die Daten eine zuvor festgelegte statistische Schwelle, sprechen Wissenschaftler von einem statistisch signifikanten Ergebnis.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass der Effekt auch klinisch bedeutsam ist. Deshalb sollte stets sowohl die Größe des Effekts als auch seine praktische Relevanz betrachtet werden.


Was sagen die Ergebnisse zur veganen Ernährung?

Viele Leser interessieren sich besonders für die Frage, ob sich aus der Studie konkrete Aussagen zur veganen Ernährung ableiten lassen.

Hier fällt die Antwort differenziert aus.

Die eingeschlossenen Studien enthielten deutlich mehr Vegetarier als Veganer. Dadurch standen den Forschern für vegane Ernährungsweisen wesentlich weniger Daten zur Verfügung.

Die Autoren weisen deshalb ausdrücklich darauf hin, dass die Evidenz für vegane Ernährungsweisen derzeit noch begrenzter ist.

Das bedeutet jedoch nicht, dass vegane Ernährung ungünstiger wäre.

Vielmehr fehlen bislang ausreichend große Langzeitstudien mit genügend vegan lebenden Teilnehmern, um für alle Krebsarten ebenso präzise Risikoabschätzungen vornehmen zu können.

Die bisher verfügbaren Daten zeigen überwiegend dieselbe Richtung wie bei vegetarischen Ernährungsweisen.

Die Unsicherheit der Schätzungen ist jedoch größer.


Wissenschaft kurz erklärt: „Keine Evidenz“ ist nicht dasselbe wie „kein Effekt“

In der öffentlichen Diskussion werden diese beiden Aussagen häufig verwechselt.

Wenn Wissenschaftler schreiben, dass für einen Zusammenhang keine ausreichende Evidenz vorliegt, bedeutet das nicht automatisch, dass kein Zusammenhang existiert. Oft bedeutet es lediglich, dass die vorhandenen Daten bisher nicht ausreichen, um eine belastbare Aussage zu treffen.

Gerade bei veganen Ernährungsweisen ist dies derzeit ein wichtiger Punkt, da große Langzeitkohorten mit vegan lebenden Teilnehmern vergleichsweise selten sind. Erst mit Teilnehmergrößen von über 2000 bis 4000 sich vegan ernährenden Personen, würde eine Evidenz beginnen.


Wie zuverlässig sind die Ergebnisse?

Die Autoren führten mehrere zusätzliche Analysen durch, um zu überprüfen, ob ihre Ergebnisse stabil bleiben.

Solche sogenannten Sensitivitätsanalysen gehören heute zum Standard hochwertiger Meta-Analysen.

Dabei wird beispielsweise untersucht,

  • ob einzelne Studien das Gesamtergebnis unverhältnismäßig stark beeinflussen,
  • ob unterschiedliche statistische Verfahren zu ähnlichen Resultaten führen,
  • oder ob die Ergebnisse nach Ausschluss einzelner Studien bestehen bleiben.

Die beobachteten Zusammenhänge erwiesen sich dabei insgesamt als robust.

Das bedeutet nicht, dass sie unumstößlich sind. Es zeigt jedoch, dass die Hauptergebnisse nicht allein auf einer einzelnen Studie beruhen.


Einordnung der Ergebnisse

Die vorliegende Meta-Analyse liefert keine spektakuläre Überraschung.

Vielmehr bestätigt sie zahlreiche Beobachtungen der vergangenen zwei Jahrzehnte.

Bereits frühere Bewertungen des World Cancer Research Fund, des American Institute for Cancer Research und der International Agency for Research on Cancer kamen zu dem Schluss, dass eine überwiegend pflanzliche Ernährung Teil eines gesundheitsfördernden Lebensstils sein kann.

Die neue Arbeit stärkt diese Einschätzung, weil sie die inzwischen verfügbare Evidenz systematisch zusammenführt und für zahlreiche Krebsarten gemeinsam bewertet.

Gerade darin liegt ihr wissenschaftlicher Wert.


Einordnung, biologische Plausibilität und Grenzen der Studie

Warum könnte Ernährung das Krebsrisiko beeinflussen?

Die Meta-Analyse von Aune und Kollegen untersucht einen statistischen Zusammenhang zwischen Ernährungsweisen und dem Auftreten verschiedener Krebsarten. Sie beantwortet jedoch nicht die Frage, warum diese Zusammenhänge bestehen.

Dennoch diskutieren die Autoren mehrere biologische Mechanismen, die durch frühere experimentelle, klinische und epidemiologische Forschung gestützt werden. Wahrscheinlich ist dabei nicht ein einzelner Faktor entscheidend, sondern das Zusammenspiel verschiedener Einflüsse.

Eine pflanzenbetonte Ernährung unterscheidet sich von einer durchschnittlichen westlichen Ernährungsweise in zahlreichen Aspekten gleichzeitig – von der Zusammensetzung der Makronährstoffe über die Ballaststoffzufuhr bis hin zur Aufnahme bioaktiver Pflanzenstoffe.


Ballaststoffe – Nahrung für das Darmmikrobiom

Einer der am besten untersuchten Unterschiede zwischen pflanzlicher und westlicher Ernährung ist die Aufnahme von Ballaststoffen.

Während pflanzliche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst reich an Ballaststoffen sind, erreichen viele Menschen in westlichen Ländern die empfohlenen Aufnahmemengen nicht.

Ballaststoffe dienen den Darmbakterien als Nahrung. Bei ihrer Fermentation entstehen kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, das als wichtigste Energiequelle der Dickdarmschleimhaut gilt.

Experimentelle Studien zeigen, dass Butyrat entzündungshemmende Eigenschaften besitzt, die Barrierefunktion des Darms unterstützt und möglicherweise Prozesse beeinflusst, die an der Entstehung von Darmkrebs beteiligt sind.

Die Meta-Analyse selbst untersucht diese Mechanismen zwar nicht direkt, ihre Ergebnisse stehen jedoch im Einklang mit diesem biologischen Erklärungsmodell.


Weniger verarbeitetes Fleisch und Häm-Eisen

Ein weiterer Unterschied betrifft den Verzehr von rotem und insbesondere verarbeitetem Fleisch.

Bereits 2015 stufte die International Agency for Research on Cancer (IARC) verarbeitetes Fleisch als karzinogen für den Menschen (Gruppe 1) und rotes Fleisch als wahrscheinlich karzinogen (Gruppe 2A) ein.

Diskutiert werden unter anderem:

  • Häm-Eisen,
  • Nitrosoverbindungen,
  • bestimmte Stoffe, die beim starken Erhitzen entstehen,
  • sowie Veränderungen des Darmmikrobioms.

Menschen mit vegetarischer oder veganer Ernährung nehmen diese Stoffe naturgemäß in deutlich geringeren Mengen oder überhaupt nicht auf.

Auch dies könnte einen Teil der beobachteten Zusammenhänge erklären.


Sekundäre Pflanzenstoffe – mehr als nur Vitamine

Pflanzliche Lebensmittel enthalten tausende sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe.

Hierzu zählen unter anderem:

  • Polyphenole,
  • Flavonoide,
  • Carotinoide,
  • Glucosinolate,
  • Phytoöstrogene.

Viele dieser Substanzen wirken antioxidativ oder beeinflussen Signalwege, die an Zellwachstum, Entzündungsreaktionen oder DNA-Reparatur beteiligt sind.

Welche Bedeutung einzelne Stoffe tatsächlich für die Krebsprävention besitzen, ist Gegenstand intensiver Forschung.

Wahrscheinlich ist jedoch weniger ein einzelner Inhaltsstoff entscheidend als die Kombination vieler verschiedener Pflanzenstoffe innerhalb einer abwechslungsreichen Ernährung.


Körpergewicht als wichtiger Einflussfaktor

Menschen mit vegetarischer oder veganer Ernährung weisen im Durchschnitt häufig einen niedrigeren Body-Mass-Index (BMI) auf als Menschen mit einer omnivoren Ernährungsweise.

Dieser Punkt ist besonders wichtig.

Übergewicht zählt selbst zu den wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für zahlreiche Krebsarten.

Die Autoren der Meta-Analyse berücksichtigten den BMI deshalb in ihren statistischen Modellen.

Interessanterweise blieben viele Zusammenhänge auch nach dieser Anpassung bestehen – wenn auch teilweise abgeschwächt.

Das spricht dafür, dass ein geringeres Körpergewicht zwar einen Teil der beobachteten Unterschiede erklärt, jedoch wahrscheinlich nicht den gesamten Zusammenhang.


Wissenschaft kurz erklärt: Korrelation ist nicht gleich Kausalität

Eine häufige Fehlinterpretation wissenschaftlicher Studien besteht darin, beobachtete Zusammenhänge unmittelbar als Ursache-Wirkungs-Beziehung zu verstehen.

Wenn Menschen mit einer vegetarischen Ernährung seltener an bestimmten Krebsarten erkranken, bedeutet dies nicht automatisch, dass ausschließlich die Ernährung dafür verantwortlich ist.

Vegetarier und Veganer unterscheiden sich häufig auch in anderen gesundheitsrelevanten Faktoren. Sie rauchen seltener, trinken im Durchschnitt weniger Alkohol, bewegen sich häufiger und weisen oft ein geringeres Körpergewicht auf.

Zwar versuchen statistische Verfahren, diese Unterschiede zu berücksichtigen. Vollständig ausschließen lassen sich sogenannte Residualkonfounder jedoch nie.

Deshalb sprechen Wissenschaftler bewusst von Assoziationen und nicht von Beweisen.


Was die Studie ausdrücklich nicht zeigt

Gerade hochwertige wissenschaftliche Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre eigenen Grenzen offen benennen.

Auch diese Meta-Analyse macht hier keine Ausnahme.

Aus den Ergebnissen lässt sich nicht ableiten,

  • dass eine vegetarische oder vegane Ernährung Krebs verhindert,
  • dass Fleisch automatisch Krebs verursacht,
  • dass Ernährung wichtiger ist als Rauchen oder andere Lebensstilfaktoren,
  • oder dass jede Person in gleichem Maße von einer Ernährungsumstellung profitiert.

Ebenso erlaubt die Studie keine Aussage darüber, welche einzelnen Lebensmittel für die beobachteten Unterschiede verantwortlich sind.

Sie untersucht Ernährungsmuster – nicht einzelne Nährstoffe oder Produkte.


Was bedeutet die Studie für den Alltag?

Trotz aller wissenschaftlichen Zurückhaltung liefert die Meta-Analyse eine wichtige Botschaft.

Sie fügt sich in ein seit Jahren wachsendes Gesamtbild ein, das von zahlreichen internationalen Fachgesellschaften vertreten wird:

Eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und Samen ist mit einem geringeren Risiko für verschiedene chronische Erkrankungen verbunden.

Dabei geht es nicht um einzelne „Superfoods“ oder kurzfristige Diäten.

Entscheidend ist vielmehr das langfristige Ernährungsmuster.

Für Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren möchten, unterstreicht die Studie, dass eine gut geplante pflanzenbetonte Ernährung Teil eines gesundheitsfördernden Lebensstils sein kann.

Sie ersetzt jedoch weder Vorsorgeuntersuchungen noch andere Maßnahmen der Krebsprävention wie Nichtrauchen, regelmäßige Bewegung oder einen maßvollen Alkoholkonsum.


Fazit

Die 2026 veröffentlichte Meta-Analyse von Aune und Kollegen stellt derzeit die umfassendste Zusammenfassung prospektiver Studien zum Zusammenhang zwischen vegetarischen beziehungsweise veganen Ernährungsweisen und dem Krebsrisiko dar.


Die Stärke dieser Meta-Analyse liegt nicht in einer spektakulären Einzelbeobachtung, sondern in der bemerkenswerten Konsistenz ihrer Ergebnisse. Über verschiedene Länder, Bevölkerungsgruppen und Langzeitstudien hinweg zeigte sich immer wieder dieselbe Tendenz: Vegetarische Ernährungsweisen waren mit einem geringeren Risiko für mehrere Krebsarten assoziiert. Für vegane Ernährungsweisen deutet die bisherige Evidenz in eine ähnliche Richtung, ist aufgrund der deutlich kleineren Datenbasis jedoch noch mit größeren Unsicherheiten behaftet.


Wie jede Beobachtungsforschung kann auch diese Meta-Analyse keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen beweisen. Sie liefert jedoch eine robuste Zusammenfassung der derzeit verfügbaren prospektiven Evidenz und stärkt damit den wissenschaftlichen Konsens, dass eine überwiegend pflanzenbetonte Ernährung ein wichtiger Baustein der Krebsprävention sein kann – eingebettet in einen insgesamt gesundheitsfördernden Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung, einem gesunden Körpergewicht, dem Verzicht auf Tabak und einem maßvollen Alkoholkonsum.

Literatur

Aune, D., Schlesinger, S., & Sobiecki, J. G. (2026). Vegetarian and vegan diets and cancer incidence: A systematic review and meta-analysis of prospective studies. European Journal of Epidemiology.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41879966/


International Agency for Research on Cancer. (2018). Red meat and processed meat. IARC Monographs Programme.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK507971/


World Cancer Research Fund. (2018). Diet, Nutrition, Physical Activity and Cancer: A Global Perspective.

https://www.iccp-portal.org/news/diet-nutrition-physical-activity-and-cancer-global-perspective


World Health Organization. (2024). Cancer.

https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/cancer