Assoziation zwischen pflanzenbasierten Ernährungsformen und dem Body-Mass-Index: Epidemiologische Evidenz und physiologische Mechanismen

Autor: Thomas Wiedemann
Veröffentlicht am 17. Mai 2026 · zuletzt aktualisiert am 18. August 2026

Bild: BMI

Einleitung

Die weltweite Prävalenz von Adipositas hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich der Anteil der Erwachsenen mit Adipositas zwischen 1990 und 2022 weltweit mehr als verdoppelt. Ernährung gehört dabei zu den grundsätzlich beeinflussbaren Faktoren, die für die Prävention von Übergewicht und Adipositas von Bedeutung sind.¹

In diesem Zusammenhang wird seit vielen Jahren untersucht, wie unterschiedliche Ernährungsformen mit dem Körpergewicht und dem Body-Mass-Index (BMI) zusammenhängen.


Epidemiologische Befunde: AHS-2 und EPIC-Oxford

Große Kohortenstudien zeigen, dass Menschen mit vegetarischer und insbesondere veganer Ernährung im Durchschnitt einen niedrigeren BMI aufweisen als Menschen mit omnivorer Ernährung. Aus diesen Beobachtungen allein lässt sich jedoch noch keine kausale Wirkung der jeweiligen Ernährungsform ableiten.

In einer Auswertung von rund 61.000 Teilnehmenden der nordamerikanischen Adventist Health Study-2 (AHS-2) lag der durchschnittliche BMI der vegan lebenden Gruppe bei 23,6 kg/m². Bei lacto-ovo-vegetarischer Ernährung betrug er 25,7 kg/m², bei pescetarischer Ernährung 26,3 kg/m², bei semi-vegetarischer Ernährung 27,3 kg/m² und bei nichtvegetarischer Ernährung 28,8 kg/m².²

Ein ähnliches Muster zeigte sich in der europäischen EPIC-Oxford-Studie mit rund 38.000 Teilnehmenden. Auch dort wiesen Veganerinnen und Veganer im Durchschnitt den niedrigsten BMI auf. Vegetarisch und pescetarisch lebende Personen lagen dazwischen, während Fleischesserinnen und Fleischesser im Mittel die höchsten BMI-Werte aufwiesen.³


Physiologische und biochemische Erklärungsansätze

Die in Beobachtungsstudien festgestellten Unterschiede im durchschnittlichen Körpergewicht können durch mehrere Faktoren mitbedingt sein. Dabei ist wichtig: Eine vegane oder pflanzenbasierte Ernährung ist nicht automatisch energiearm oder ernährungsphysiologisch günstig. Entscheidend ist vor allem, welche Lebensmittel tatsächlich verzehrt werden.

  • Ballaststoffe und Sättigung: Eine vollwertig pflanzenbetonte Ernährung mit Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Samen enthält typischerweise viele Ballaststoffe. Diese können die Sättigung unterstützen und dadurch die spontane Energieaufnahme beeinflussen. Fermentierbare Ballaststoffe werden zudem von Darmbakterien teilweise zu kurzkettigen Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat umgesetzt. Diese stehen mit verschiedenen Stoffwechsel- und Sättigungsprozessen in Verbindung; ihre konkrete Bedeutung für die langfristige Gewichtskontrolle beim Menschen ist jedoch noch nicht abschließend geklärt.⁴
  • Geringere Energiedichte: Viele wenig verarbeitete pflanzliche Lebensmittel enthalten viel Wasser und Ballaststoffe bei vergleichsweise geringer Energiedichte. Dadurch kann ein größeres Nahrungsvolumen aufgenommen werden, ohne entsprechend viele Kalorien zuzuführen. Eine geringere Energiedichte kann deshalb die Sättigung erleichtern und die Gesamtenergieaufnahme reduzieren.⁴
  • Lebensmittelqualität und Verarbeitung: Auch innerhalb einer veganen Ernährung bestehen erhebliche Unterschiede. Eine Ernährung, die überwiegend aus Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Obst, Nüssen und Samen besteht, unterscheidet sich hinsichtlich Energiedichte und Sättigungswirkung deutlich von einer Ernährung mit vielen stark verarbeiteten veganen Produkten, Süßwaren oder zuckerhaltigen Getränken. Für das Körpergewicht ist daher nicht allein entscheidend, ob eine Ernährung vegan ist, sondern auch, wie sie zusammengesetzt ist.


Kritische Einordnung und methodische Limitationen

Obwohl Menschen mit vegetarischer und veganer Ernährung in Beobachtungsstudien im Durchschnitt häufig einen niedrigeren BMI aufweisen, muss dieser Zusammenhang methodisch vorsichtig interpretiert werden. Bei Untersuchungen wie der AHS-2 und EPIC-Oxford handelt es sich um Beobachtungsstudien. Sie können Zusammenhänge aufzeigen, aber für sich allein nicht belegen, dass die Ernährungsform die Ursache für den niedrigeren BMI ist.


Ein wichtiger möglicher Einflussfaktor ist der sogenannte Healthy User Bias. Menschen, die sich bewusst für eine bestimmte Ernährungsweise entscheiden, können sich auch in anderen gesundheitsrelevanten Merkmalen von Vergleichsgruppen unterscheiden – beispielsweise hinsichtlich körperlicher Aktivität, Rauchverhalten, Alkoholkonsum, Bildung oder sozioökonomischen Faktoren. Solche Unterschiede werden in hochwertigen Kohortenstudien statistisch möglichst weitgehend berücksichtigt. Ein sogenanntes Residual Confounding, also eine verbleibende Verzerrung durch nicht oder nur unvollständig erfasste Einflussfaktoren, lässt sich jedoch nie vollständig ausschließen.


Fazit

Die Beobachtungsdaten sprechen konsistent dafür, dass vegetarische und insbesondere vegane Ernährungsformen mit einem niedrigeren durchschnittlichen BMI verbunden sein können. Inzwischen liegen darüber hinaus auch randomisierte kontrollierte Interventionsstudien und deren systematische Auswertungen vor. Diese zeigen, dass insbesondere vollwertige pflanzenbasierte Ernährungsformen eine Gewichtsreduktion unterstützen können. Die Ergebnisse sind jedoch nicht in allen Untersuchungen gleich stark und hängen unter anderem von der Zusammensetzung der Ernährung, der Vergleichskost, der Studiendauer und der untersuchten Population ab.

Entscheidend für die Gewichtsentwicklung ist daher nicht allein, ob eine Ernährung vegan oder pflanzenbasiert ist. Von besonderer Bedeutung sind die Qualität und Verarbeitung der verzehrten Lebensmittel, ihre Energiedichte sowie die gesamte Energieaufnahme.


Quellen

[1] World Health Organization. (2025). Obesity and overweight. Abgerufen am 18. August 2026, von https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight


[2] Tonstad, S., Butler, T., Yan, R., & Fraser, G. E. (2009). Type of vegetarian diet, body weight, and prevalence of type 2 diabetes. Diabetes Care, 32(5), 791–796. https://doi.org/10.2337/dc08-1886


[3] Spencer, E. A., Appleby, P. N., Davey, G. K., & Key, T. J. (2003). Diet and body mass index in 38000 EPIC-Oxford meat-eaters, fish-eaters, vegetarians and vegans. International Journal of Obesity, 27(6), 728–734. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12833118/


[4] Pérez-Escamilla, R., et al. (2012). Dietary energy density and body weight in adults and children: A systematic review.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22480489/


[5] Akhlaghi, M. (2024). The role of dietary fibers in regulating appetite, an overview of mechanisms and weight consequences.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36193993/


[6] Selinger, E., et al. (2023). Evidence of a vegan diet for health benefits and risks – an umbrella review of meta-analyses of observational and clinical studies.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37962057/