Prävention vs. Behandlung – oder warum Supplements der bessere Weg sind.

Autor: Thomas Wiedemann
Veröffentlicht am 03. Juni 2026 · zuletzt aktualisiert am 18. August 2026

Bild: Medikamente vs Supplements

Mit zunehmendem Alter steigt in industrialisierten Ländern der Bedarf an Medikamenten deutlich an. Besonders ab dem 50. Lebensjahr nimmt die Zahl chronischer Erkrankungen wie arterielle Hypertonie, Typ-2-Diabetes mellitus, Dyslipidämien oder koronare Herzkrankheit spürbar zu. Diese Erkrankungen gehen häufig mit einer dauerhaften medikamentösen Therapie einher.

Daten des Robert Koch-Institut zeigen, dass Erwachsene mittleren und höheren Alters in Deutschland regelmäßig mehrere Arzneimittel gleichzeitig einnehmen. Besonders relevant ist hierbei das Phänomen der sogenannten Polypharmazie, definiert als die dauerhafte gleichzeitige Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten. Dieses Risiko steigt mit zunehmendem Alter erheblich an und betrifft einen bedeutenden Anteil der über 65‑Jährigen. Ursachen hierfür sind vor allem chronische, ernährungs- und lebensstilassoziierte Erkrankungen.


Ernährungswissenschaftlich gewinnt daher die Frage an Bedeutung, inwieweit bestimmte Ernährungsformen zur Prävention chronischer Erkrankungen beitragen können. Insbesondere pflanzenbasierte Ernährungsweisen stehen seit Jahren im Fokus der Forschung.


Mehrere große Kohortenstudien und systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass gut geplante pflanzliche Ernährungsformen mit einem geringeren Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen assoziiert sind. Dazu zählen unter anderem Übergewicht, Hypertonie, Typ-2-Diabetes sowie bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Als mögliche Ursachen werden unter anderem eine höhere Aufnahme von Ballaststoffen, sekundären Pflanzenstoffen und ungesättigten Fettsäuren sowie eine geringere Zufuhr gesättigter Fettsäuren und hochverarbeiteter tierischer Produkte diskutiert.


Vor diesem Hintergrund ist auch der Zusammenhang zwischen Ernährungsweise und Medikamentenkonsum Gegenstand aktueller Forschung. Eine häufig zitierte Untersuchung ist die sogenannte „Polypharma Study“, veröffentlicht im American Journal of Lifestyle Medicine. In dieser Studie analysierten Forschende den Medikamentenkonsum älterer Erwachsener in Abhängigkeit von ihrer Ernährungsweise. Dabei zeigte sich, dass sich vegan ernährende Personen im Durchschnitt deutlich weniger verschreibungspflichtige Medikamente einnahmen als omnivor lebende Vergleichsgruppen. Selbst nach statistischer Anpassung für Faktoren wie Alter, Body-Mass-Index und bestehende Erkrankungen blieb dieser Zusammenhang bestehen.

Die Autoren interpretieren diese Ergebnisse jedoch ausdrücklich als Assoziation und nicht als endgültigen Kausalnachweis. Beobachtungsstudien können Zusammenhänge aufzeigen, aber nicht zweifelsfrei beweisen, dass allein die Ernährungsweise für den geringeren Medikamentenbedarf verantwortlich ist. Menschen mit pflanzenbasierter Ernährung unterscheiden sich häufig auch in anderen gesundheitsrelevanten Faktoren, beispielsweise hinsichtlich Rauchverhalten, Alkoholkonsum, Bewegung oder allgemeinem Gesundheitsbewusstsein.


Dennoch spricht die aktuelle Evidenzlage dafür, dass eine ausgewogene pflanzenbasierte Ernährung einen wichtigen Beitrag zur Prävention chronischer Erkrankungen leisten kann. Internationale Fachgesellschaften wie die Academy of Nutrition and Dietetics bewerten gut geplante vegane Ernährungsformen als gesundheitlich geeignet und potenziell präventiv hinsichtlich verschiedener Zivilisationserkrankungen.


In öffentlichen Debatten wird vegane Ernährung gelegentlich mit dem Argument kritisiert, sie sei „unnatürlich“, da bestimmte Nährstoffe – insbesondere Vitamin B12 – supplementiert werden müssen. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist diese Argumentation jedoch differenziert zu betrachten. Nahrungsergänzungsmittel dienen in diesem Zusammenhang der gezielten Sicherstellung einzelner essenzieller Mikronährstoffe. Gleichzeitig ist die dauerhafte Einnahme mehrerer Medikamente in westlichen Gesellschaften weit verbreitet, insbesondere zur Behandlung ernährungs- und lebensstilassoziierter Erkrankungen.

Die präventive Supplementierung einzelner Vitamine unterscheidet sich jedoch grundsätzlich von der therapeutischen Behandlung chronischer Erkrankungen mittels Polypharmazie. Während Nahrungsergänzungsmittel gezielt potenzielle Versorgungslücken ausgleichen sollen, dienen Medikamente primär der Behandlung bereits bestehender Erkrankungen oder deren Folgekomplikationen.


Aus ernährungsmedizinischer Sicht erscheint daher weniger die Frage relevant, ob supplementiert wird, sondern vielmehr, welche gesundheitlichen Gesamtauswirkungen eine Ernährungsweise langfristig auf Morbidität, Lebensqualität und Medikamentenbedarf hat.


Wissenschaftliche Quellen

Robert Koch-Institut – Arzneimittelanwendung bei Erwachsenen in Deutschland (DEGS1)

Knopf, H., & Grams, D. (2013). Arzneimittelanwendung von Erwachsenen in Deutschland: Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 56(5–6), 868–877. https://doi.org/10.1007/s00103-013-1667-8


Polypharma Study – American Journal of Lifestyle Medicine

Dos Santos, H., Gaio, J., Durisic, A., Beeson, W. L., & Alabadi, A. (2024). The Polypharma Study: Association between diet and amount of prescription drugs among seniors. American Journal of Lifestyle Medicine, 18(6), 813–819. https://doi.org/10.1177/15598276211048812


Academy of Nutrition and Dietetics – Position on Vegetarian Diets

Melina, V., Craig, W., & Levin, S. (2016). Position of the Academy of Nutrition and Dietetics: Vegetarian diets. Journal of the Academy of Nutrition and Dietetics, 116(12), 1970–1980. https://doi.org/10.1016/j.jand.2016.09.025


Deutsche Gesellschaft für Ernährung – Positionspapier zu vegetarischer und veganer Ernährung

https://www.dge.de/wissenschaft/stellungnahmen-und-positionspapiere/positionen/update-of-the-dge-position-on-vegan-diet/?utm_source=chatgpt.com